"Braucht die Stadt Werbung?"

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Pappschilder mit Portraits der Politiker säumen seit ein paar Wochen wieder die Straßen. Die Kampagnen der einzelnen Parteien als temporäre Erscheinung halten in der Zeit vor der Wahl gern als Small-Talk-Aufhänger her, aber mehr noch deren subversive Umdeutungen durch Sprayer. Dagegen ist die übliche Außenwerbung, die ganze Gebäude überzieht, selten ein Thema. Vielleicht liegt das auch daran, dass wir uns aufgrund der alltäglichen Bilderflut schon Scheuklappen zugelegt haben und sie nicht mehr bewusst wahrnehmen.
In den 20er/30er Jahren stand beleuchtete Fassadenreklame noch für Fortschritt. In Learning from Las Vegas (1972) erklärten Denise Scott Brown, Robert Venturi und Steve Izenour die Reklame zu einem wesentlichen Element des (post-)modernen Stadtraums. Heute wird dagegen der Wunsch nach einem Ausmisten im Schilderwald immer lauter. Störung und Belästigung sieht die Initiative „Amt für Werbefreiheit und gutes Leben“ in der Plakatierung des öffentlichen Raums und engagiert sich für dessen gemeinschaftliche Umgestaltung im Sinne eines nachhaltigeren Lebens ohne ständige Konsumverführung. Dass man das nicht hinnehmen muss, hat Sao Paulos Bürgermeister Kassab Ernst 2007 bewiesen, als er für den öffentlichen Raum der Stadt ein allgemeines Werbeverbot erließ. Laut Umfragen sind zwei Drittel der Bevölkerung damit zufrieden, auch weil die Architektur wieder stärker in den Vordergrund tritt. Auch anderswo, wie in Zürich, wird darüber debattiert, ob weniger Werbung den öffentlichen Raum stärken würde.
Wird die Stadt ohne Werbung schöner? Oder verliert sie dadurch einen Teil ihrer Identität? Zöge man nachts den Stecker, wäre der New Yorker Times Square doch nicht wieder zu erkennen und auch bei Tage wäre er wohl nicht viel mehr als ein Häufchen Elend. Inwieweit wäre ein Werbeverbot im öffentlichen Raum oder zumindest eine stärkere Reglementierung eine Freiheitsbeschneidung des Marktes oder gar Verlust an Information? Und was würde eine solche Reglementierung für die Street Art bedeuten, werden in Sao Paulo doch schon Sprayer als Webegestalter von Firmen eingesetzt (siehe Wirtschaftswoche)? Müssten wir hierzulande ohne Werbung etwa auf unsere Bushäuschen verzichten, weil sie sonst keiner finanziert? In Paris wird das städtische Fahrradleihsystem Velolibe komplett über Werbung finanziert, die Stadt zahlt nichts und für die Nutzer sind Fahrten unter 30 Minuten kostenfrei. Was macht andererseits der tägliche Anblick von Verführung, idealisierter Menschen und unrealistischen Lebenssituationen mit uns und unseren Kindern? Ist das Leben ohne Plakate vielleicht einfach stressfreier, weil es weniger Reize gibt?  

Diese Debatte führt BKULT in Zusammenarbeit mit der Initiative „Amt für Werbefreiheit und Gutes Leben“.

 

Redaktion BKULT / 7.10.2013 / 14:32

Jein ...

Resümee Diese Frage wurde in den letzten Wochen auf BKULT diskutiert. Pro und Contra halten sich im Prinzip die Waage. Dies zeigt, wie unterschiedlich Werbung in der Stadt bewertet wird. Das „Amt für Werbefreiheit und gutes Leben“ positioniert sich klar gegen Werbekampagnen und der damit einhergehenden „Kommerzialisierung“ des öffentlichen Raums. Der Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier teilt diese Position und möchte die Werbung aus dem Stadtraum verbannen. Er findet, dass wir täglich rund um die Uhr derart mit Informationen befeuert werden, dass eine eigenständige, auf den gesunden Menschenverstand beruhende Meinungsbildung gar nicht mehr möglich sei. Ein Werbeverbot für den öffentlichen Raum würde weniger Kommunikation bedeuten – ein, aus seiner Sicht, erstrebendwerter Zustand. Dagegen betont beispielsweise die Stadtplanerin Leonie Baumann, dass Werbung in der Stadt eine wichtige Einnahmequelle für die Kommunen sei. Andere weisen auf die enge Verwobenheit von Werbung mit dem öffentlichen Raum und dem modernen Stadtbild hin. So betont Alexander Gutzmer, dass in Städten, die Gesellschaft in all ihrer Komplexität sichtbar werde und die Sehnsüchte und Markenbilder des Kapitalismus seien nun mal ein fester Teil unserer Gesellschaft. Auch Martino Stierli stellt fest: „Werbung gehört grundlegend zum visuellen Repertoire der modernen Metropole.“ Einen Schlagabtausch lieferten sich Frauke Bank von der Wall AG und Christian Hänggi von der IG Plakat | Raum | Gesellschaft in Zürich, der von Beginn an mitdebattierte. Frauke Bank – eine der wenigen Vertreterinnen der Werbebranche in dieser Debatte – beschreibt am Beispiel Berlins, in welch hohem Ausmaß Außenwerbung der Wall AG öffentliche Infrastruktur wie Bushäuschen und City-Toilletten finanziere. Auch die Schaffung vieler Arbeitsplätze gehöre dazu. Christian Hänggi bezweifelt dagegen die sozialen Motive des Unternehmens und fragt, wie hoch die Profite auf Seiten der Wall AG seien und wieviel die Stadt Berlin drauf zahlen müsse. Frauke Bank antwortet ausweichend. Die JEIN-Stimmen in dieser Debatte, wie beispielsweise die von Karsten Michael Drohsel, bringen die Aussagen vieler Statements, sowohl auf der Befürworter- als auch auf der Gegnerseite, auf den Punkt: Werbung sei ein Teil des modernen Stadtraums und der städtischen Kultur, allerdings seien klare, für die Werbebranche verbindliche Richtlinien für den Inhalt und die Darstellungsweise wünschenswert.
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Alexander Gutzmer / 24.9.2013 / 15:10

Journalist, München

Ja ...

Eine Funktion von Städten habe ich immer darin gesehen, Gesellschaft in all ihren Komplexitäten sichtbar zu machen. Der urbane Raum als kommerzfreie Ruhezone, als gebautes antikapitalistisches Kopfkissen mag zwar wünschenswert sein, er entspricht aber nicht der gesellschaftlichen Realität. Die Sehnsüchte und Markenbilder des Kapitalismus sind Teil unserer Welt. Sie sollten daher, obwohl bisweilen vulgär, auch sichtbar werden dürfen. Auch deshalb, weil die Strategien der urbanen Außenwerber zu kulturell durchaus interessanten Überlagerungen führen. Besonders deutlich wird dies an baufälligen Gebäuden. So ist mir das Phänomen einmal am Berliner Bebelplatz aufgefallen. Die erste Überlagerung betraf das zu sanierende Gebäude selbst, die Alte Bibliothek oder „Kommode“ am Westende des Platzes. Vor die baufällige Fassade hängten die Bauarbeiter ein Plakat, auf dem die dahinter liegende Fassade abgebildet war. Nur war das Plakat ein wenig heller, sauberer, weniger baufällig. Eine bessere, quasi gebrandete Version realer historischer Architektur. Diese temporären Aufhübschungen durch Riesenposter sind momentan überall in unseren Städten zu beobachten. Leicht desillusionierend ist dann oft der Moment, wenn das Plakat abgenommen wird – und die restaurierte Fassade immer noch nicht so gelackt aussieht wie ihre zweidimensionale Simulation es suggeriert hat. Doch damit nicht genug. Der Autohersteller BMW hängte vor das Poster, das den Idealzustand der Kommode darstellte, ein weiteres Riesenplakat, auf dem ein aktuelles Fahrzeugmodell des Münchner Konzerns und ein dezidiert antihistorisches, nämlich futuristisches Gebäude zu sehen ist. Nach näherem Hinsehen erkannte man Santiago Calatravas Kunstmuseum in Milwaukee. Letzteres sollte offenbar dem beworbenen Produkt als Imagetreiber dienen. Das heißt, der historische Bau und dessen bereinigte Version in Posterform dienten gemeinsam als Bühne, um auf der nächsten Plakatebene die Markenambitionen des Autokonzerns und dessen architektonische Spiegelungen zu verstärken. Dass übrigens eine solche urbane Bildüberlagerung ausgerechnet an der „Kommode“ am Bebelplatz stattfindet, passt vortrefflich. Mit städtischen Bildern und Strategien des Kopierens wurde nämlich schon bei deren Bau vor 300 Jahren gearbeitet. Der Architekt Georg Christian Unger kopierte hier einen 50 Jahre älteren Entwurf von Fischer von Erlach für die Wiener Hofburg. Letzteres Gebäude wurde aber erst 1893 in veränderter Form fertiggestellt. Die Berliner Kopie wurde hingegen schon 1780 vollendet. Die Kopie ist also älter als ihr Vorbild. Dr. Alexander Gutzmer ist Chefredakteur des Architekturmagazins Baumeister. Wissenschaftlich beschäftigt sich der Kulturwissenschaftler unter anderem mit dem Verhältnis von Architektur und Medien. Bei Routledge erschien kürzlich sein Buch „Brand-Driven City Building and the Virtualizing of Space“, eine kulturphilosophische Untersuchung der architektonischen Strategien globaler Marken.
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Mirjam Struppek / 20.9.2013 / 11:04

Kuratorin & Urbanistin, Berlin

Nein ...

Man kann gut beobachten, dass das System der Konsumgesellschaft an soziale und ökologische Grenzen stößt. Es ist überholt und ihr größtes Werkzeug - die kommerzielle Werbung - wird obsolet werden. Noch stoßen wir im analogen wie auch im digitalen Raum pausenlos auf diese "Konsumentenverführung". Verknüpfte digitale Medien und Soziale Netzwerke haben dabei eine neue Dimension der suggestiven Manipulation des gläsernen "Prosumers" eröffnet. Der öffentliche Raum muss als gemeinschaftlich verbindender Ort ALLER Bürger zurückerobert werden. Er darf nicht zur reinen Serviceleistung und als Ort für gute Verbraucher und liquide Konsumenten verkommen. Wir brauchen Informationen und keine Werbung (das gleiche gilt übrigens auch für die Wahlen)! In Los Angeles kämpft die Stadt gegen die unkontrollierte Umwandlung analoger Plakate in digitale "Fernseher" mit Dauerwerbung, ohne Ausschaltknopf! Wer würde das zu Hause oder im öffentlichen Fernsehen dulden? Absurder Weise verklagt die Branche die Stadt wegen Beschränkung der Meinungsfreiheit. Die Meinungsmanipulation der Werbung ist jedoch weder eine individuelle Ansicht noch eine reine Information, auch wenn sie sich gerne als solche tarnt. Es gibt genügend Möglichkeiten, sich privat über Produkte, Geschäfte etc. zu informieren. Das Mobiltelefon ist mit Apps wie „AroundMe“  zum individuellen Informationsbegleiter geworden und durch „Augmented Reality“ werden wir die Stadt mit einer persönlichen Infolandschaft überlagern können, die aber auch ausschaltbar ist. Wir können also getrost das originale Stadtbild von der Werbung befreien und diese in historische Museen schaffen! Mirjam Struppek arbeitet weltweit als freie Kuratorin und Urbanistin. Seid 2002 arbeitet sie and der Eroberung der vorwiegend kommerziellen digitalen Urbanen Medien für alternative, künstlerische und partizipative Inhalte. www.interactionfield.de
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Nicolas Beucker / 18.9.2013 / 14:49

Professor für puplic & social design, Hochschule Niederrhein

Nein ...

Warum sollte eine Stadt Werbung benötigen? „Stadt“ umschreibt einen gebauten und sozialen Raum, der ein gesellschaftliches Miteinander ermöglicht. Dieser Stadtraum äußert keinerlei Bedarf an Werbung. Wo läge ihr gesellschaftlicher Mehrwert? Das städtische Leben wird nicht reicher durch Werbebotschaften für Genussmittel, Mobilfunkangebote, Fernreisen oder Baumarktschnäppchen. Dass mit Werbung  auch finanzielle Engpässe der Kommunen abgefedert werden, ist das einzig nachvollziehbares Argument dafür, unzählige Quadratmeter des öffentlichen Raums zur kommerziellen Verführung abzutreten. Viele Kommunen stützen mittlerweile ihre Daseinsvorsorge für ÖPNV und öffentliche Toiletten auf Einnahmen langfristiger Werbeverträge.Doch im öffentlichen Raum ereignet sich die Stadt, hier werden die Weichen für Begegnungen und urbanes Selbstverständnis gestellt. Es muss möglich sein, dort einen Qualitätsanspruch aufrecht zu erhalten, der öffentliche Räume als Stadtgut sichert.Es sind nicht nur die inhaltlichen Aspekte, die die Werbung im öffentlichen Raum entbehrlich machen. Mit jeder Werbefläche verliert eine Stadt an Authentizität, sie wird beliebig und verliert ihre individuellen Qualitäten an  austauschbare Scheinwelten. Werbeflächen im Stadtraum kennen keinerlei Bezug zu ihrem räumlichen Kontext. Sie nehmen keine Rücksicht auf Proportionen von Fassaden, sie verstellen Perspektiven und reduzieren damit das Bild der Stadt auf Affichenpapier. In einer Diskussion zur Baukultur liegt es nahe, dafür zu plädieren, die Oberflächen der Stadt gesellschaftlich sinnstiftend zu verwenden. Jede frei werdende Werbefläche sollte es uns wert sein, neue Wege zu erproben. Nicolas Beucker ist Professor für public & social design im Fachbereich Design der Hochschule Niederrhein. Dort lehrt er konzeptionelles mensch- und gesellschaftszentriertes Entwerfen. Sein Forschungsinteresse gilt der Gestaltung identitätsstiftender (Stadt-)Räume.
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Steinbrener/ Dempf / 17.9.2013 / 11:20

Künstlerduo, Wien

Jein ...

Werbung im öffentlichen Raum ist und war ein Teil städtischer Kultur. Fraglich ist inzwischen nur, wofür und in welchem Umfang geworben wird. Hier ist mittlerweile ein eklatantes Ungleichgewicht entstanden. Werbung – nicht die Beschriftung von Geschäftslokalen – ist mittlerweile zu einer großflächigen, ästhetisch verkommenen Penetrierung der Bevölkerung geworden. Werbung für öffentliche Belange, wie kulturelle Themen und Veranstaltungen, ist weitgehend in Nischen verdrängt worden. Steinbrener/Dempf ist eine österreichische Künstlergruppe, bestehend aus dem Bildhauer Christoph Steinbrener  und dem Fotografen und Grafiker Rainer Dempf. Ihre Arbeiten thematisieren gesellschaftliche Sachverhalte. 2005 wurden im Rahmen des Projektes Delete! in der Wiener Neubaugasse alle kommerziellen Zeichen wie Geschäftsschilder oder Werbeplakate gelb verhüllt.
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Frauke Bank / 16.9.2013 / 11:09

Wall AG, Berlin

Ja ...

Braucht die Stadt Werbung? Hierauf ein klares JA! In dieser Debatte muss aber unterschieden werden zwischen Außenwerbung, die auf öffentlichem Grund im Rahmen von Stadtverträgen vermarktet und damit bereits behördlich reglementiert wird, und Außenwerbung, die auf privatem Grund stattfindet und teils unkontrolliert ausufernd wächst. Von Wildwerbung ganz zu schweigen. Die beiden Letztgenannten leisten keinen positiven Beitrag fur die Städte, auf deren öffentlichen Raum sie jedoch dennoch massiv optisch einwirken.Die Vermarktung von Außenwerbeflächen auf öffentlichem Grund refinanziert hingegen eine moderne, für alle Bürger nutzbare Stadtmöblierung. Hierzu zählen u.a. Fahrgastunterstände an Haltestellen, barrierefreie City-Toiletten oder intelligente Stadtinformationsanlagen. Diese Stadtmöbel kosten die Stadt nichts – vielmehr fließt hieraus Geld an die Stadt zuruck, denn die Außenwerber beteiligen die Städte prozentual an den Werbeeinnahmen.Die Wall AG ist seit 1984 Partner der Stadt Berlin. Das Unternehmen hat seitdem nicht nur tausende von Fahrgastunterständen oder über 200 rollstuhlgerechte City-Toiletten in Berlin errichtet, sondern reinigt und wartet diese durch festangestellte Service-Mitarbeiter, die 7 Tage pro Woche, 24 Stunden am Tag, zum Wohle der Bürger im Einsatz sind. Mehrere hundert Arbeitsplätze konnten so in Berlin geschaffen werden.Es ist nicht im Interesse der Wall AG, eine Stadt wie Berlin mit Werbeflächen „zuzupflastern“. Vielmehr verfolgt das Unternehmen die Strategie „Weniger ist mehr“ und reduziert bereits die Anzahl seiner Werbestandorte in den Partnerstädten, so auch in Berlin. Eine Überfrachtung des öffentlichen Raums mit Werbeträgern ist weder im Sinne der Bürger noch im Interesse der Werbungtreibenden.Abschließend ein Wort zu Sao Paulo: Das „Cidade Limpa“-Gesetz wurde dort 2007 erlassen, um die damalige Überflutung durch illegal(!) errichtete Werbeträger und Wildwerbung in der Stadt einzudämmen. Doch heute ist Außenwerbung in Sao Paulo längst wieder existent. Das Unternehmen JCDecaux schloss erst im Oktober 2012 einen 25-Jahres-Vertrag mit Sao Paulo über Außenwerbung an digitalen Uhrenanlagen. Diese Entscheidung der Stadt beruht auf der Erkenntnis, dass Außenwerbung auf die die Stadt und ihre Behörden reglementierend einwirken können, durchaus zum Wohle der Stadt ist, weil sie Bürgerservices finanziert, die aus den öffentlichen Haushalten nicht zu bezahlen sind.Daher ein klares JA! zu Werbung in der Stadt.  
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Leonie Baumann / 12.9.2013 / 17:00

Rektorin weißensee kunsthochschule berlin, Berlin

Jein ...

Zu einer Stadt gehört auch Werbung. Die Probleme liegen für mich eher in den Details.Die erste Frage ist die der Legitimität: Im Moment darf jeder, der genügend Geld hat, an allen möglichen und unmöglichen Stellen der Stadt Werbung platzieren. Alle anderen, die die nötigen Budgets nicht aufbringen können, finden kaum legale Flächen für Plakatierung. Also bestimmt das Geld, welche Werbung ich sehe und welche nicht. Ein Zustand, der in einer demokratischen Gesellschaft, die sich Meinungsfreiheit auf die Fahnen geschrieben hat, unhaltbar ist.Die zweite Frage ist die der Verhältnismäßigkeit: Ist es mit unseren ethischen Grundsätzen vereinbar, dass auf riesigen Werbeflächen für billige Bekleidungsstücke geworben wird? Denn schon eine einfache Rechnung macht deutlich, dass bei dem beworbenen Produkt, zieht man  die Kosten  der Plakate und Plakatierung ab, die ProduzentInnen so gut wie kein Geld mehr für die Produktion des Fummels bekommen haben können. Da wird einem schon schlecht beim Anschauen jedes Plakates.Damit zusammenhängend  ist das Problem mit den Inhalten: Die Werbung ist mehr denn je frauenfeindlich, eurozentristisch und verdummend, so dass man nur alle dazu ermuntern kann, sich dagegen aufzulehnen. Proteste zeigen ihre Wirkung. Wir haben genug essgestörte Kinder , es wird viel  Unsinn gekauft – diese mit menschenverachtenden Bildern angeheizte Konsumspirale muss ein Ende haben.Städte haben gezeigt, dass man Werbung eingrenzen, dass man ethische Kriterien aufstellen und Möglichkeitsräume für Werbung schaffen kann, die im öffentlichen Interesse ist. Man muss es nur wollen. Leonie Baumann ist seit 2011 Rektorin weißensee kunsthochschule berlin, davor langjährige Geschäftsführerin der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine; u.a. Sprecherin Rat für die Künste und Vorsitzende des Beratungsausschusses Kunst bei der Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten Berlin.
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Karsten Michael Drohsel / 12.9.2013 / 16:45

Stadtforscher & Flaneur, Berlin

Jein ...

Als ich unlängst nachts mit einem Auto versucht habe, im Zentrum Berlins einen Weg zu einem Freund zu finden, wurde die Fragestellung, ob Stadt Werbung braucht oder nicht für mich plötzlich sehr relevant: Verloren zwischen blinkenden LED-Tafeln, greller Leuchtreklame und hell beleuchteten Plakaten hatte ich große Schwierigkeiten, die Verkehrszeichen und Ampeln zu erkennen. Erschwert wurde das Ganze noch durch eine regennasse Fahrbahn, auf der die ganzen Lichter reflektierten. Ich war kurz vor der Aufgabe des Vorhabens, den Freund zu besuchen und beantwortete die Frage nach Werbung in der Stadt spontan und gereizt mit einem deutlich ablehnenden Nein! Werbung, so meine Beobachtung, wird immer aggressiver. Zu meiner beschriebenen Autofahrt fiel mir der Terminus „visuelle Lautstärke“ ein. Wäre der visuelle Eindruck des Geflackers und der extremen Lichtstärke akustisch wahrnehmbar, wir alle würden sicher den Regler suchen, um den Lärm zu beenden oder gleich aufs Land ziehen. Werbung kann aber auch mehr als eine psychische, bisweilen physische Belästigung sein: In beispielsweise Las Vegas ist die Werbung für die Casinos über Generationen nicht nur Identifikationsfaktor, sondern auch trotz massivem Überangebot ein Sehnsuchtsort, der auf den American Dream verweist. Ebenso wären der Times Square in New York, der Piccadilly Circus in London oder der Place Blanche in Paris ohne seine Leuchtreklamen und bunten Plakate nicht das, was man mit ihnen verbindet: Images, die auf etwas verweisen, das ich mit Identifikationsmöglichkeit und Urbanität benennen möchte. Jedoch, und das ist der wesentliche Unterschied zur Werbung, wie sie uns überall begegnet, sind diese Reklamen meist künstlerisch gestaltet. An ihnen koppeln sich Zeitspuren, Traditionen, Gefühle, Sehnsüchte usf. Diese Orte sind auf der Beliebtheitsskala von Reisenden ganz weit oben, weil an ihnen etwas erlebt oder an etwas teilgenommen werden kann. Die Kulissen, die die Reklamen eröffnen, absorbieren das Individuum und lassen es staunen - wer je diese Orte besucht hat, weiß wovon ich spreche. Obwohl ich auch Innenstädte wie z.B.  Hameln, wo Werbungen oberhalb der Ladenzeile ebenso untersagt sind wie bewegte Leuchtreklamen, oder  Regensburg, wo ein generelles Werbeverbot im Zentrum sogar Wahlplakate ausschließt, schön finde, lehne ich eine generelle Regulierung von Seiten des Staates ab (alleine deshalb schon, weil ich befürchte, dass dann am Ende aus jeder Stadt ein pittoreskes Rothenburg ob der Tauber wird, oder generell in jeder Innenstadt nur noch das gut ist, was alt ist). Ich möchte anstatt dessen für eine generelle Humanisieru­ng der visuellen Umwelt und im speziellen der Werbelandschaft in unseren Städten eintreten. Dies erfordert zum einen einen bewussten Umgang mit Werbung im öffentlichen Raum und zum anderen auch eine ästhetische Schulung, die die Grundlage für ein „Tuning“ der gesamten visuellen Umwelt bildet. Karsten Michael Drohsel (www.mikromakrowelt.de) ist angehender Dipl.-Ing. der Stadtplanung, Flaneur und Urban Artist. Er lebt und arbeitet in Berlin und Stuttgart. Seine Hauptinteressen kreisen um die Schnittstellen zwischen urbaner Bildung, Kunst, Stadtanalyse und Partizipation. Er ist Gründer der mobilen Universität, die im Rahmen des BMW Guggenheim Labs in Berlin erstmalig realisiert wurde und bis vor kurzem als mobiles Bildungsformat durch Europa reiste. 
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Alexander Otto / 12.9.2013 / 12:09

Unternehmer, Hamburg

Ja ...

Ein Verbot für Leuchtreklame, Plakate und Schilder im Stadtbild? Im brasilianischen Sao Paulo ist das nahezu Realität – auch wenn es im Vorwege der Sportevents gerade wieder gelockert wurde. Und während wir in Deutschland ein Übermaß an Außenwerbung diskutieren, kritisiert man in Sao Paulo den zu restriktiven Umgang. Die Meinungen gehen auseinander. Die einen sehen darin eine Privatisierung des öffentlichen Raums und bemängeln, dass Werbeträger die Städte verstellen, im Verkehr die Sicht nehmen und nachts die Wohnungen ausleuchten. Tatsache ist aber auch, dass Werbung eine wichtige Einnahmequelle für Städte und Kommunen darstellt. So verdient die Stadt Hamburg innerhalb von 15 Jahren mit Werbung an Bushaltestellen, Litfaßsäulen und City-Lights über eine halbe Milliarde Euro. Zudem schaffen die Werber Arbeitsplätze. Unsere Stiftungspublikation „Public Space – Public Relations“ von Franziska Lehmann hat gezeigt, dass Städte es bei der Genehmigung von Außenwerbung sehr unterschiedlich halten. Ich bin kein Gegner öffentlicher Werbung, erachte sie im bestimmten Maße sogar für notwendig. Dabei ist es zweckmäßig, dass Städte und Kommunen unter Beteiligung der Akteure vor Ort übergeordnete Konzepte entwickeln, die Umfang, Art und Ort prägender Werbung im Stadtbild festlegen. Die Erfahrungen aus unseren Stiftungswettbewerben wie „die barrierefreie Stadt“ oder „das schönste Stadtfest“ zeigen, dass gerade solche Konzepte und Projekte erfolgreich sind, an denen die relevanten Akteure mitgewirkt haben und ein Konsens erzielt wurde. Angesichts der kontroversen Bewertung von Außenwerbung ist ein solches Verfahren förderlich für ihre Akzeptanz und das Stadtbild. Alexander Otto, geb. 1967 in Hamburg, ist seit 2000 Vorsitzender der Geschäftsführung der ECE, dem europäischen Shopping-Center-Marktführer und Entwickler und Dienstleister für Büro- und Spezialimmobilien. Er ist außerdem Vorsitzender der Beiräte des International Council of Shopping Centers Europe (ICSC)  sowie des Urban Land Institute Europe und gehört dem Präsidium der Harvard Business School Foundation of Germany an. Otto ist Initiator und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung „Lebendige Stadt“, die sich mit der Revitalisierung europäischer Innenstädte beschäftigt. Zudem ist er Stifter der „Alexander Otto Sportstiftung“ und “Dorit und Alexander Otto Stiftung”, mit der er u.a. die Revitalisierung der Hamburger Kunsthalle fördert.
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Sukhan Strathus / 11.9.2013 / 11:19

Grafiker

Jein ...

Braucht die Stadt Werbung? Braucht der Mensch Werbung?Diese Fragen sind in der gegebenen Situation (Wettbewerbsgesellschaft, deren Geldvermehrungsmechanismen permanente und immer neue Kaufaufforderungen benötigen) rein akademisch. bzw. philosophisch.Für Menschen in der Massengesellschaft ist es hilfreich - besonders in urbanen Ballungsräumen - über Verfügbarkeit und Angebot von nützlichen Dingen informiert zu werden. Es ist nicht hilfreich (außer für die Unternehmen, die an all dem großteils nutzlosen Zeug verdienen), überall mit aufdringlichen, weitgehend dummsinnigen und intentionell die Intelligenz beleidigenden Werbebotschaften belästigt zu werden.Alleine die Ankündigungen kommerzieller TV-Sender an Bushaltestellen ist in der Regel so grausam, dass es schon weh tut - dort wird für Formate geworben, deren einziger Sinn (neben dem Zweck, Umfeld für weitere Fernsehwerbung zu sein) darin besteht, die Leute ruhig und gehirngewaschen vor ihrem Fernsehschirm zu sedieren, damit die irrwitzige Ausbeutung, Arbeitshetze und Entfremdung im "realen Leben" ohne viel Nachdenken seitens der Untertanen weiter gehen kann.Die scheußliche Allgegenwart der Werbung, mit der private Unternehmen den öffentlichen Raum mit  Kaufaufforderungen für ihre Erzeugnisse überschwemmen (dürfen), wird nur getoppt von der Selbstverständlichkeit, die das Ganze hat und als gegeben hingenommen wird.Inzwischen sehnt man sich nach Zuständen wie in der DDR, als der öffentliche Raum eine optisch ruhige und ästhetisch neutrale Zone war. Gut, die Banner und Plakate mit Parteilosungen waren in gewisser Hinsicht ebenfalls "Werbung", allerdings stellten sie auch willkommene Farbtupfer dar, die das einheitliche, nahezu monochrome Erscheinungsbild der Städte und Ortschaften belebten.
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Franziska Lehmann / 11.9.2013 / 10:24

Stadtplanerin, Bremen

Ja ...

Wahrscheinlich nicht – aber sie hat sie. Und das schon seit hunderten von Jahren. Da sich zudem in Deutschland die Frage nach einer werbefreien Stadt auch aus rechtlichen Gründen nicht stellt (Werbung ist grundgesetzlich gedeckt im Rahmen der Meinungs- und Gewerbefreiheit), stellt sich eher die Frage danach, wie mit Werbung im öffentlichen Raum umzugehen ist. Einiges scheint – ganz nüchtern betrachtet – vernünftig zu sein: Die Steuerung der Werbung: Ungeregelt hat Werbung die Tendenz zu Dominanz. Als Einzelmeinung darf sie – auch gesellschaftlich betrachtet – nicht zu durchdringend werden. Die Stadt ist kein weißes Blatt Papier, das nur darauf wartet, von der Werbung beschrieben zu werden. Technische Entwicklungen erfordern Steuerung: Aktuell verbreitet sich die LED-Technik, die wesentlich höhere Helligkeiten und bewegte Bilder ermöglicht. Die damit verbundene visuelle Dominanz und Unruhe im Stadtraum muss rechtzeitig geregelt werden. Mit Werbung wird Geld verdient: Wenn die öffentliche Hand bzw. die Gesellschaft den Werbebetreibenden den öffentlichen Raum als Bühne zur Verfügung stellt, sollte bei der Festlegung des Preises dafür berücksichtigt werden, dass es um mehr als um die Nutzungsgebühr für ein paar Quadratmeter Standfläche geht. Verkauft wird die öffentliche Aufmerksamkeit. Das ist ein hohes Gut, mit dessen Verkauf bewusst und in Maßen und bewusst umgegangen werden sollte -  und der Preis dafür darf nicht zu niedrig bemessen werden, auch im Vergleich dazu, was Werbung in anderen Medien (Fernsehen, Zeitungen usw.) kostet. Franziska Lehmann ist Mitinhaberin des Planungsbüros proloco aus Bremen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Stadtplanung und soziale Stadtentwicklung, öffentlicher Raum in der Stadt sowie Prozessmanagement und Moderation. Parallel zur Bürotätigkeit war sie von 2001 – 2004 an der Technischen Universität Hamburg-Harburg im Studiengang Stadtplanung tätig. 2006 promovierte sie unter dem Titel „Public Space – Public Relations. Großformatige Werbung als ein Beispiel des Umgangs mit öffentlichen Räumen“. Aktuell erarbeitet Frau Lehmann ein Konzept zum Umgang mit Werbung für die Stadt Berlin.    
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Christian Kreiß / 11.9.2013 / 7:17

Volkswirt, Hochschule Aalen

Nein ...

Und zwar aus folgenden 5 Gründen: Werbung macht unser Leben teurer: Angenommen, Robinson Crusoe würde es mit drei weiteren Leidensgenossen auf eine einsame Insel verschlagen. Er selbst übernimmt das Angeln, ein Anderer bestellt die Felder, der Dritte sorgt für Hausbau und Haushalt. Der Vierte übernimmt die Aufgabe, für jeden der drei anderen reihum Werbung zu machen. Wie viel trägt der Vierte zum Wohle aller bei? Die Kosten für Werbung werden auf die Produktpreise umgelegt, dadurch wird alles teurer als nötig. Werbung desinformiert: Einschlägige wissenschaftliche Lehrbücher zeigen, dass ein großer Teil der Werbung nicht informativ, sondern emotional ist. Werbebotschaften werden so gestaltet, dass sie emotional wirken und nicht informieren. Werbung schafft dadurch Intransparenz und sorgt für gezielte Fehlinformation von uns Konsumenten. Werbung sorgt für geplanten Verschleiß: Werbung schafft gezielt künstliche Mode- und Produktzyklen und bewirkt dadurch, dass Millionen von Gegenständen, die noch funktionieren, vorzeitig weggeworfen werden, Müllberge produziert werden und wir alle mehr und länger arbeiten müssen als erforderlich. Werbung schränkt die Pressefreiheit ein: „Wess‘ Brot ich ess‘, dess‘ Lied ich sing“. Haupteinnahmequelle der privaten Fernseh- und Rundfunksender sind Werbeeinnahmen. Ein aktuelles Beispiel: Im Frühjahr 2013 wurde der geschichtsträchtige Platz „Sol“ in Madrid umbenannt in „Vodafone Sol“, weil Vodafone für diese Werbung 3 Mio. Euro bezahlte. Dies führte zu erheblichem Unmut in der spanischen Bevölkerung. Die beiden führenden spanischen Zeitungen El País und El Mundo haben diesen Unmut nicht kommentiert, aus Angst, den wichtigen Anzeigenkunden Vodafone zu verlieren. Typischer Fall von ökonomischem Maulkorb. Werbung macht unsere Kinder krank: Auf beliebten Kinderfernsehsendern sind 98% der Lebensmittelwerbung für ungesunde Produkte. Es gibt gezielte Werbekampagnen für 2- und 3-Jährige, um deren Ernährungsgewohnheiten zu verschlechtern. Unsere Kinder werden dadurch immer weniger gesund.  Prof. Dr. Christian Kreiß studierte Volkswirtschaftslehre und promovierte in München über die Große Depression 1929 bis 1932. Nach neun Jahren Berufstätigkeit als Bankier in verschiedenen Geschäftsbanken, davon sieben Jahre als Investment Banker, unterrichtet er seit 2002 als Professor an der Hochschule Aalen Finanzierung und Wirtschaftspolitik. 2004 und 2006 hielt er an der University of Maine, USA, Master of Business Administration (MBA)- Vorlesungen über investment banking. Zahlreiche Veröffentlichungen, Vorträge, Rundfunk- und Fernsehinterviews zur aktuellen Finanzkrise, geplantem Verschleiß und Wegen in eine menschengerechte Wirtschaft.
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Ursula Stalder / 11.9.2013 / 7:08

Wissenschaftlerin, Hochschule Luzern

Ja ...

Werbung und Konsum haben schon immer zum städtischen Erleben und Verhalten gehört , ebenso wie die gebaute Umwelt, die Mobilität, Dichte und Durchmischung. Stadt ist nicht nur gebauter Raum, sondern auch ein sozialer Raum der Kommunikation und ein Raum des Konsums und Erlebens. Ihre spezifischen Qualitäten ergeben sich aus dem Miteinander und der Vielfalt verschiedener gestaltwirksamer gesellschaftlicher Sphären. Problematisch erscheinen allerdings jüngere Entwicklungen, in denen räumliche Transformationen weniger an planerischen Inhalten denn an Wertsteigerung orientiert scheinen. Die steigende Dominanz von Werbebildern und ikonischer Flagship-Architekturen, Stadtmöblierungsprogramme, die an Aussenwerbeunternehmen vergeben werden (Berlin), Strassenzüge, die nach den Gesichtspunkten des Stadtmarketings wie Shopping Centers betrieben werden (Times Square, New York City), oder Sportgroßanlässe, die von Verbänden mit ihren Sponsoren den Stadtraum besetzen (Fifa WM), zeugen von einer Bewilligungs- und Vergabepraxis, die sich mehr an finanziellen Einnahmen als an aktiver Stadtgestaltung ausrichtet. Die klassische Stadtentwicklung täte gut daran, Medien als gestaltwirksame Infrastrukturen zu verstehen. Mit der Verfügbarkeit digitaler Technologien und dem damit verbundenen Erneuerungsdruck der Infrastrukturen sollten Zugang und Nutzung dieser Infrastrukturen im Sinne der bestmöglichen Nutzung knapper Ressourcen erweitert werden - für Orientierung und Sicherheit, Nutzerfreundlichkeit und Attraktivität. Dass Werbung und Konsum dazu gehört, steht ausser Frage.  Ursula Stalder forscht und lehrt an der Hochschule Luzern im Bereich Online-Kommunikation; seit 2006 führt sie den interdisziplinären Forschungsschwerpunkt “Out-of-Home-Displays”, der sich mit der zunehmenden Durchdringung des öffentlichen Raums mit digitalen Medieninfrastrukturen beschäftigt.
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m. franke / 10.9.2013 / 14:21

Werber

Nein ...

Warum sollte die Stadt Werbung brauchen? Die Stadt an sich kann weder denken, noch handeln. Werbung ist immerzu präsent. Alles, was ich sehe, hinterlässt auf mich einen Eindruck mit der Frage: wie kann ich diesen Eindruck für mich nutzen? Es ist eine Frage, die sich der Betrachter stellt. Weiter stellt sich für mich die Frage, ob ich möchte, dass man mir Informationen zeigt, die ausschließlich darauf abzielen, mich zu täuschen und nur an meinen Trieb der Eitelkeit, des Neides und der Missgunst appellieren. Dazu sage ich nein, das ist billig und mickrig und verschönert nicht die Umwelt, noch regt es meinen Geist an.Es ist klar, dass sich die Werbung nur anhand des dafür notwendigen Geldes zeigt. Wer die notwendigen Mittel besitzt, der kann werben. Das macht es für mich offensichtlich, ohne das ich mit verlogenen Vorteilen umworben werde.Im Gegensatz dazu wirbt die Kunst, indem sie an den Geist appelliert und an eine von mir ausgehende notwendige Haltung ihr gegenüber. Diese Haltung wird durch die Werbung, die den Menschen nur auf Konsum reduziert, nicht generiert. Diese drängt sich zwar penetrant in den Vordergrund. Aber sie "fordert" mich nicht einmal heraus und "Grund" gibt sie mir auch nicht, etwas besitzen zu wollen. 
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Martino Stierli / 10.9.2013 / 13:07

Kunsthistoriker, Universität Zürich

Ja ...

Zugegeben: Es ist inhaltlich und grafisch wenig erquicklich, was die Parteien uns auch in diesem Herbst wieder an Phrasen und verunglückten Porträtfotos ihrer Kandidaten im öffentlichen Raum zumuten. Aber die Klage gegen Werbung im Außenraum ist weder neu noch besonders originell. Sie ist so alt wie die kommerzielle Reklame selbst und lässt sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Tatsache ist: Werbung gehört grundlegend zum visuellen Repertoire der modernen Metropole. Das haben Künstler und Architekten wie Fernand Léger oder Erich Mendelsohn früh erkannt und das zeigt sich in der zeitgenössischen Kunst von der Pop Art bis in die Gegenwart immer wieder von Neuem. Bei allen Vorbehalten: Werbung im Stadtraum ist ein wichtiges ästhetisches Laboratorium der Moderne und hat das Potenzial, unsere visuelle Kultur weiterhin mit Ideen und Bildwitz zu bereichern. Ich jedenfalls wünsche mir mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Thema und den Mut, zwischen all dem nervigen Blinken und Rauschen jene Momente zu entdecken, in denen Werbung es mitunter schafft, den Alltag subversiv zu karikieren und uns zum Nachdenken anzustoßen. Eine Stadt mit schreienden Werbeplakaten mag wirken wie eine aufgetakelte Hure. Eine Stadt ohne hingegen kommt mir vor wie eine vertrocknete Jungfer. Vor die Wahl gestellt, gilt meine Sympathie der Ersteren.  Martino Stierli ist SNF-Förderungsprofessor am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich. Er ist der Autor von Las Vegas im Rückspiegel: Die Stadt in Theorie, Fotografie und Film. Im Rahmen seiner Forschungen zu Venturi und Scott Brown hat er sich eingehend mit der Frage der Werbung im öffentlichen Raum auseinandergesetzt.
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Sandra Franz / 10.9.2013 / 13:03

Amt für Werbefreiheit und Gutes Leben, Berlin

Nein ...

Werbung hat sich historisch vom Anpreisen der Waren auf dem Markt über Litfaßsäulen bis hin zu modernen Riesenplakaten und Werbebildschirmen entwickelt. Inzwischen hat sie im öffentlichen Raum eine Qualität und ein Ausmaß erreicht, das so nicht mehr hinnehmbar ist. Außenwerbung prägt in ihrer universellen Verbreitung vielerorts das Stadtbild. Statt der Häuserfassaden und sonstigen baulichen Strukturen, die eine Stadt einzigartig machen, dominieren eine Handvoll Werbekampagnen bedeutende Teile ihrer Ästhetik.Das Übermaß an Außenwerbung wirkt sich längst negativ auf unsere Lebensqualität aus. In einer bereits durch Verkehr und Arbeitsrhythmen hektischen Lebenswelt sind wir noch zusätzlich ständigen visuellen und auditiven Reizen ausgesetzt, die uns auffordern, uns für dieses oder jenes Produkt zu entscheiden.Nicht zuletzt wird durch die massive Präsenz von Außenwerbung auch die Frage aufgeworfen, durch wen und auf welche Art der öffentliche Raum gestaltet werden sollte. Als Ort des gesellschaftlichen Lebens hat der öffentliche Raum eine soziale Funktion. Er ist der Raum, in dem sich die Menschen fortbewegen und sich begegnen, in dem sie auch ihre Meinungen ausdrücken. Durch die Dominanz von Außenwerbung ist dieser "Ort der Bürger*innen" in vielen Städten  mit kommerziellen Botschaften belegt und dadurch zu einem Ort des Konsums umgedeutet worden. Vor unseren Augen liefern sich Unternehmen einen Kampf um unsere Aufmerksamkeit – und wir bleiben passive Zuschauer*innen. Das geht so nicht weiter.Der manipulative Charakter von Werbung ist unmittelbar einsichtig - er ist der Kern von Werbung. Dass sich die einzelnen Menschen wie die Gesellschaft an diesen Teil der Marktwirtschaft gewöhnt haben, bedeutet jedoch noch nicht, dass er unproblematisch ist. Mit der Initiative „Amt für Werbefreiheit und Gutes Leben“ fordere ich: Niemand soll immer mehr haben wollen müssen! Die Werbung muss raus aus unseren Städten! Sandra Franz ist Mitarbeiterin beim Amt für Werbefreiheit und Gutes Leben in Berlin. Die Initiative engagiert sich für werbefreie öffentliche Räume und fordert ein Umdenken: Weg von Wachstums- und Überflussgesellschaft, hin zu mehr Demokratie und Nachhaltigkeit.
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Christian Hänggi / 10.9.2013 / 12:51

Autor und Dozent, Universität Basel und Bangkok

Nein ...

Aus ästhetischer, ökonomischer und demokratischer Sicht ist es nicht zu rechtfertigen, dass unsere Städte und Bahnhöfe mit dümmlichen und schmuddeligen Kaufaufforderungen zugekleistert werden. Die Städte haben unseren öffentlichen Raum für ein paar Brosamen den Plakatgesellschaften verpachtet und damit dem Zugriff der Öffentlichkeit entzogen. Doch das große Geschäft machen nicht die Stadtverwaltungen, sondern die Plakatgesellschaften. Die Kleinbetriebe gehen in der Flut unter, den Informationsmedien entgehen existenzsichernde Inseratseinnahmen, und die Möglichkeit, sich zu äußern, erhält ein Preisschild. Die Aufgabe des öffentlichen Raums ist es, für alle zugänglich zu sein und die Arten des Zusammenlebens in einer Gesellschaft auszuhandeln und zu vermitteln. Seine Aufgabe ist nicht, den Profit-Interessen einiger weniger Unternehmen zu dienen. Und letzten Endes sind es immer die Konsumentinnen und Konsumenten, die ungefragt über den Aufpreis auf die Produkte und Dienstleistungen die Werbung finanzieren. Der Zeitpunkt wird nie kommen, an dem die Werbeindustrie sagt, dass das Optimum erreicht ist. Wenn wir die Industrie nicht in ihre Schranken weisen, dann wird es immer mehr Werbung geben, denn die Plakatgesellschaften sind unersättlich und das Märchen von der unternehmerischen Selbstverantwortung bleibt ein Märchen. Die Zeit ist gekommen, die Werbungen in den Städten abzubauen und fachgerecht zu entsorgen.  Dr. Christian Hänggi ist Präsident der Zürcher IG Plakat | Raum | Gesellschaft, die sich für eine Reduktion der Außenwerbung einsetzt. Er doziert an der Ramkhamhaeng University in Bangkok und an der Universität Basel. Er ist Autor des Buchs Gastfreundschaft im Zeitalter der medialen Repräsentation, das sich mit der gesellschaftlichen Rolle der Werbung auseinandersetzt.
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Friedrich von Borries / 9.9.2013 / 22:29

Architekt und Autor, Berlin

Nein ...

­Als die Mauer fiel, erlebten viele Menschen aus dem Westen die Städte des Ostens als grau und trist. Das lag vor allem am Mangel von Farbigkeit, fehlenden bunten Autos und Werbeplakaten. In manchen asiatischen Städten, in denen nicht mit Plakaten, sondern mit riesigen Videobildschirmen geworben wird, flimmert es noch mehr als bei uns. Das kann durchaus seinen ästhetischen Reiz haben.  Ob die Stadt deshalb die Werbung braucht, ist jedoch fraglich. Ich glaube nicht. Besonders deutlich wird dies, wenn etwa Bauarbeiten absichtlich nicht abgeschlossen werden, damit das mit Werbung bespannte Baugerüst länger stehen bleiben kann. Angeblich war das bei der Sanierung des Charlottenburger Tores in Berlin der Fall, dessen Sanierung durch Megaposter finanziert wurde. Genau das ist wiederum das Argument derer, die davon überzeugt sind, dass die Stadt Werbung brauche: Durch die Werbung wird Geld in die Kassen der öffentlichen Hand gespült. Am Ende bekommt also, um im ökonomistischen Duktus zu bleiben, jede Stadt die Werbung, die sie verdient. Aber nicht die Stadt braucht die Werbung, sondern unser ökonomisches System. Und jedes ökonomische System baut sich selbst die Stadt, die es repräsentiert. Friedrich von Borries ist Architekt und Professor für Designtheorie an der HFBK Hamburg. Vor kurzem erschien im Suhrkamp Verlag sein Roman RLF - das richtige Leben im falschen, der sich mit Werbung und Marketing auseinandersetzt. 
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Michael Jack / 9.9.2013 / 22:21

Rechtsreferendar, Dortmund

Ja ...

Ich kann diese Frage nur aus der Perspektive eines Hochsensiblen beantworten. Hochsensibilität ist eine Persönlichkeitsvariable, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Betroffenen Reize stärker wahrnehmen als der Populationsdurchschnitt. Zur Verdeutlichung benutze ich gern das Bild eines ins Nervensystem eingebauten Reizfilters, den jeder Mensch hat und der bei Hochsensiblen durchlässiger ist. Diese höhere Empfindlichkeit führt zu geringerer Toleranz gegenüber Reizeindrücken, gleichzeitig aber auchzu einer subtileren Wahrnehmung. Heißt das, dass Hochsensible dankbar wären, wenn es keine Werbung in unseren Städten geben würde? Sicherlich gibt es Einige unter den Hochsensiblen, die für eine werbefreie Stadt dankbar wären. Doch wie viele das sind, weiß ich nicht. Potenziell kann jeder Reizeindruck auf Hochsensible wie eine Zumutung wirken. Doch nicht jeder wirkt so auf alle. Ich persönlich habe etwa kein Problem mit optisch wirkender Werbung. Fast im Gegenteil: Ist sie intelligent und/oder werden attraktive Frauen abgebildet, wird Werbung zur kleinen Freude des Alltags. Auf akustische „Berieselung“, insbesondere ab einer gewissen Lautstärke, könnte ich hingegen verzichten. Doch wie jeder Hochsensible mache auch ich die Erfahrung, dass die Mehrheit der Menschen andere Maßstäbe dafür hat, welche Reize willkommen sind. Ich will der Mehrheit meine Maßstäbe nicht oktroyieren. Auch zu viel Rücksichtnahme auf die Interessen einer Minderheit kann eine Form der Tyrannei sein. Manche Geschäfte müssen auf mich als Kunden verzichten, aber damit werden sie leben können.  Dr. iur. Michael Jack ist Rechtsreferendar am Landgericht Dortmund. Der heute 32-jährige erfuhr vor einem Jahrzehnt, dass er eine „Hochsensible Person“ ist, was für ihn eine lebensverändernde Erleichterung bedeutete, da er eine Erklärung für sein diffuses Gefühl der Andersartigkeit erhielt. Er gründete und leitet den Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität (www.hochsensibel.org), der in Deutschland erste Anlaufstelle zum Thema Hochsensibilität ist.
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Bernhard Heinzlmaier / 9.9.2013 / 22:14

Sozial- und Jugendkulturforscher, Hamburg und Wien

Nein ...

Der wichtigste Grund, um gegen Werbung im öffentlichen Raum zu sein, ist unsere Kommunikationssituation insgesamt. Wir werden tagtäglich und rund um die Uhr mit Informationen befeuert. Nirgendwo ist mehr Ruhe. Ohren und Augen werden permanent bestürmt. So werden wir wohl vom Nachdenken über die Sinnhaftigkeit eines Lebens in einer auf Hochgeschwindigkeit beschleunigten Konkurrenz- und Konsumgesellschaft abgehalten.Ein Werbeverbot in der Stadt würde weniger Kommunikation bedeuten und das ist genau das, was wir alle brauchen: weniger Bilder, weniger Worte, weniger Musik, weniger Symbole, weniger Zeichen. Denn der Souverän unserer Zeit ist von Kommunikation betäubt, er kann nicht mehr herrschen. Er wird von anderen beherrscht, von den Werbefritzen mit ihrer schnieken Kommerzästhetik.Besonders die Bilder sind es, die uns quälen, beherrschen, uns manipulieren. Ohne das wir es merken, drehen sie uns die Bedeutungen im Kopf um. Schon vor 50 Jahren meinte der Philosoph Günter Anders, dass sich die Bilder von der Welt vor die reale Welt schieben und so die Realität pausenlos von einer künstlichen Welt  überdeckt wird.Das skopische Regime ist die Herrschaft der Lüge. Werbung lügt mit Hilfe der Ästhetik, der Warenästhetik. Eine Manipulation der Sinne findet statt, um völlig sinnlose Produkte zu verkaufen - eine Herrschaft der Form, die uns einen Inhalt suggeriert, den es gar nicht gibt oder zumindest nicht so, wie er sich uns zeigt.Der Ökonomie gehören Grenzen gesetzt. Nicht nur der produzierenden, auch der kommunizierenden. Der Kommerz muss nicht überall sein. Es genügt, wenn Zeitungen, Fernsehen und Internet kommerziell überschwemmt sind. Der kommerzielle Raum sollte frei gehalten werden für nicht-kommerzielle Formen der Ästhetik. Bernhard Heinzlmaier, Sozial- und Jugendkulturforscher, lebt in Hamburg und Wien. Beschäftigt am Institut für Jugendkulturforschung und Eigentümer des Marktforschungsinstituts tfactory. Er verbringt die meiste Zeit seines Lebens in der Mansarde des Hauses mit seiner Katze Rosi, d.h. er hat dem kommerzialisierten öffentlichen Raum weitgehend den Rücken zugekehrt.
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Michael Jack / 9.9.2013 / 22:21

Rechtsreferendar, Dortmund

Ja ...

Ich kann diese Frage nur aus der Perspektive eines Hochsensiblen beantworten.

 

Hochsensibilität ist eine Persönlichkeitsvariable, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Betroffenen Reize stärker wahrnehmen als der Populationsdurchschnitt. Zur Verdeutlichung benutze ich gern das Bild eines ins Nervensystem eingebauten Reizfilters, den jeder Mensch hat und der bei Hochsensiblen durchlässiger ist. Diese höhere Empfindlichkeit führt zu geringerer Toleranz gegenüber Reizeindrücken, gleichzeitig aber auchzu einer subtileren Wahrnehmung.

 

Heißt das, dass Hochsensible dankbar wären, wenn es keine Werbung in unseren Städten geben würde? Sicherlich gibt es Einige unter den Hochsensiblen, die für eine werbefreie Stadt dankbar wären. Doch wie viele das sind, weiß ich nicht. Potenziell kann jeder Reizeindruck auf Hochsensible wie eine Zumutung wirken. Doch nicht jeder wirkt so auf alle.

 

Ich persönlich habe etwa kein Problem mit optisch wirkender Werbung. Fast im Gegenteil: Ist sie intelligent und/oder werden attraktive Frauen abgebildet, wird Werbung zur kleinen Freude des Alltags. Auf akustische „Berieselung“, insbesondere ab einer gewissen Lautstärke, könnte ich hingegen verzichten. Doch wie jeder Hochsensible mache auch ich die Erfahrung, dass die Mehrheit der Menschen andere Maßstäbe dafür hat, welche Reize willkommen sind. Ich will der Mehrheit meine Maßstäbe nicht oktroyieren. Auch zu viel Rücksichtnahme auf die Interessen einer Minderheit kann eine Form der Tyrannei sein. Manche Geschäfte müssen auf mich als Kunden verzichten, aber damit werden sie leben können.

 

 

Dr. iur. Michael Jack ist Rechtsreferendar am Landgericht Dortmund. Der heute 32-jährige erfuhr vor einem Jahrzehnt, dass er eine „Hochsensible Person“ ist, was für ihn eine lebensverändernde Erleichterung bedeutete, da er eine Erklärung für sein diffuses Gefühl der Andersartigkeit erhielt. Er gründete und leitet den Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität (www.hochsensibel.org), der in Deutschland erste Anlaufstelle zum Thema Hochsensibilität ist.

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Kentucky Friedchicken / 10.9.2013 / 13:00

Nein ...

Ich zitiere: "Ist sie [die Werbung] intelligent und/oder werden attraktive Frauen abgebildet, wird Werbung zur kleinen Freude des Alltags."Hallo?! Das ist sexistisch! Wer definiert denn, was eine attraktive Frau ist? Allein die betreffende Frau selbst und nicht die betrachtende (männlich sozialisierte) Person!Ich (als Frau sozialisiert) freue mich ganz und gar nicht, wenn ich ein gephotoshopptes Bild einer Frau auf einem Werbeplakat sehe. (Von mir aus auch eines Mannes, aber das hat nicht denselben bitteren Beigeschmack, weil diese Gesellschaft patriarchal ist.)Mich macht es traurig, dass Körper im öffentlichen Raum als makellos, unnatürlich perfekt und nicht-gehandycapt dargestellt werden. Was bekomme ich für ein Bild vermittelt, wie der Körper einer (durch die Werbung als "schön" definierten) Frau auszusehen hat? Es wundert mich nicht, wenn Menschen (egal ob männlich oder weiblich sozialisiert) sich klein und unselbstbewusst fühlen, sind sie doch tagtäglich diesem Wahnsinn ausgesetzt.Also: Nein, ein Werbefoto einer sog. "attraktiven Frau" ist keine "Freude des Alltags", es reiht sich nahtlos in die sexistische deutsche Gesellschaft ein!
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Michael Jack / 11.9.2013 / 14:28

Ja ...

Zitat: “Das ist sexistisch! – Wer definiert denn, was eine attraktive Frau ist? – Allein die betreffende Frau selbst und nicht die betrachtende (männlich sozialisierte) Person!“Den Vorwurf des Sexismus kann ich nicht nachvollziehen, vgl. meine Stellungnahme zum Posting von Sukhan Strathus.Zitat: „Was bekomme ich für ein Bild vermittelt, wie der Körper einer (durch die Werbung als "schön" definierten) Frau auszusehen hat?“Mein Äußeres entspricht auch nicht dem männlichen Schönheitsideal. Ich käme allerdings nie auf die Idee, die Darstellung eines attraktiven Mannes verbieten zu wollen, auf die Frauen affektiv positiv reagieren.Zitat: “Nein, ein Werbefoto einer sog. "attraktiven Frau" ist keine "Freude des Alltags", es reiht sich nahtlos in die sexistische deutsche Gesellschaft ein!“Sie können die manipulierte Darstellung von Frauen und Männern als Etablierung eines letztlich ungesunden Schönheitsideals kritisieren. Das ist aber m. E. kein Sexismus.
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Sukhan Strathus / 11.9.2013 / 12:56

Jein ...

"werden attraktive Frauen abgebildet, wird Werbung zur kleinen Freude des Alltags" - Schade, dass die Hochsensibilität beim Thema Sexismus streikt bzw. ganz schnell vergessen ist. So ein bescheuert sexistischer Spruch weist den Urheben eher als groben Klotz denn als "Hochsensiblen" aus. Man muss ihm also nur dem gängigen Schönheitsideal entsrechende Frauenkörper hinhalten, schon ist Werbung "eine kleine Freude des Alltags"? Da freuen sich die berechnenden Sexisten aber, die für einen Großteil dieser Abbildungen verantwortlich sind, welche die gängigen Klischees bedienen (Frauen als jederzeit verfügbare Sexobjekte, die vor allem gut auszusehen haben) und eingesetzt wwrden auch wo sie rein gar nichts mit dem beworbenen Gegenstand zu tun haben.Siehe unten (Buswerbung aus Weimar):
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Michael Jack / 11.9.2013 / 14:09

Ja ...

Zitat: "Schade, dass die Hochsensibilität beim Thema Sexismus streikt bzw. ganz schnell vergessen ist. So ein bescheuert sexistischer Spruch weist den Urheben eher als groben Klotz denn als "Hochsensiblen" aus."Hochsensibilität bedeutet Reizempfindlichkeit. Nicht zwingend Empathie oder eine höhere Moralität oder Vergleichbares.Sie werfen mir Sexismus vor. Mal sehen. Auf Wikipedia heißt es, Sexismus sei eine geschlechtsbezogene Diskriminerung. Unter dem Begriff würden „Geschlechterstereotype, Affekte und Verhaltensweisen gefasst, die einen ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern zur Folge haben oder darauf hinwirken.“Ich habe gesagt, dass mich der Anblick einer attraktiven Frau in Werbung erfreut, dass ich also eine positive affektive Reaktion darauf habe. Mir leuchtet nicht ein, inwieweit ich damit (= mit der affektiven Reaktion) auf einen ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern hinwirke; vielleicht mögen Sie mir das erläutern?Vielleicht meinen Sie, ich würde Frauen auf ihr Äußeres reduzieren? Nun, dann sind Sie im Irrtum. Ich bin nämlich durchaus in der Lage, eine positive affektive Reaktion auf optische Attraktivität von der Beurteilung eines Charakters oder der Kompetenz einer Person zu trennen.Ein ganz anderes Thema ist die Frage, ob die Darstellung von „gephotoshopten“ Damen und Herren ein unrealistisches Schönheitsbild etabliert. Das ist aber eine andere Debatte.>> Man muss ihm also nur dem gängigen Schönheitsideal entsrechende Frauenkörper hinhalten,Ich sprach nicht von "Frauenkörpern". Sie haben anscheinend die Vorstellung eines notgeilen, sabbernden Bocks, der noch dazu leicht zu manipulieren ist. Sie ist unzutreffend. Und an der Grenze zur Beleidigung, offen gesagt.Alles was ich sagte, ist, dass attraktive Frauen bspw. auf Werbepostern eine positive affektive Reaktion bei mir hervorrufen. Ich bin nicht der Meinung, dass das sexistisch ist. Ich bin vielmehr der Meinung, dass ich eine Trivialität artikuliere. Aber das sehen Sie vielleicht anders.
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Sukhan Strathus / 11.9.2013 / 15:12

Jein ...

Ja, das sehe ich anders.Zunächst: eine "Trivilität" ist es, dass heterosexuelle Männer positiv auf attraktive Frauen reagieren. Wäre es nicht so, müssten die Betreffenden sich ja fragen, ob was mit ihnen nicht in Ordnung ist.  Wobei die Bedeutung von "attraktiv" unterschiedlich sein kann, je nach Konditionierung, Sozialisierung und individueller Disposition des jeweiligen Mannes. Vor allem aber ist es eine Trivilität,  weil es eine biologische Reaktion ist, ein Impuls, der von dem natürlichen Trieb der Arterhaltung gesteuert ist. Darüber braucht man kein Gewese zu machen und ganz besonders muss man damit nicht eine Rechtfertigung für sexistische Werbung herbei konstruieren. Eine Kritik an dem Frauenbild, das die Werbung vermittelt, ist dringend notwendig. Ebenso eine Kritik an der Rolle,  in die Frauen von "der Gesellschaft" gezwungen werden. Die Anführungszeichen,  weil Prägung und Konditionierung durch Individuen geschieht, durch Eltern, Lehrer, Priester, Vorgesetzte usw.Sämtliche "vested interests" einer Gesellschaft sind daran interessiert, den status quo von Ausbeutung, Unterdrückung und Ungleichheit aufrecht zu erhalten.  Ganz entscheidend dabei ist die doppelte Verarschung von Frauen im euphemistisch "Marktwirtschaft" genannten Kapitalismus: als Lohnabhängige (sofern sie überhaupt Arbeit haben, i.d.R. dann auch noch für weniger Geld als männliche Lohnarbeiter erhalten) und als historisch, biologisch und sozial niedergehaltenes Geschlecht. Werbung perpetuiert in der überwiegenden Anzahl der Fälle genau diesen status quo, aus dem einzigen Grund, noch mehr Geld mit noch nutzloseren Produkten oder Dienstleistungen zu verdienen (wobei ich durchaus auch Beispiele intelligenter, nicht sexistischer Werbung kenne und mich drüber freue).Sich vor diesem Hintergrund hinzustellen und mal eben "attraktive Frauen" auf Werbeplakaten (am Ende noch solchen für Autos, Bier oder Sauna-Clubs) als Bereicherung des Stadtbildes zu verharmlosen, ist bestenfalls naiv.Möglicherweise habe ich Ihre Motivation falsch beurteilt und Sie sind kein dummer Sexist; es gibt allerdings auch gescheite Sexisten, was die im Sexismus enthaltene Absicht zur Herabsetzung anderer ja nicht besser macht. Aber das können nur Sie selber wissen.
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Michael Jack / 11.9.2013 / 15:44

Ja ...

Zitat: „eine "Trivilität" ist es, dass heterosexuelle Männer positiv auf attraktive Frauen reagieren. Wäre es nicht so, müssten die Betreffenden sich ja fragen, ob was mit ihnen nicht in Ordnung ist.“Danke, dass Sie das festhalten. Ich fürchte nämlich, dass das nicht unbedingt allgemeiner Konsens ist.Zitat: „Wobei die Bedeutung von "attraktiv" unterschiedlich sein kann, je nach Konditionierung, Sozialisierung und individueller Disposition des jeweiligen Mannes.“Völlig richtig.Zitat: „... im euphemistisch "Marktwirtschaft" genannten Kapitalismus“Ich habe auch den Eindruck gewonnen, dass es bei dieser Debatte weniger um Werbung als ästhetisches Problem geht. Vielmehr sehen einige Akteure dieser Diskussion, so mein Empfinden, Werbung eher als Ausdruck des Gesellschafts-/Wirtschaftssystems, das sie als solches ablehnen.Zitat: „Sich vor diesem Hintergrund hinzustellen und mal eben "attraktive Frauen" auf Werbeplakaten (am Ende noch solchen für Autos, Bier oder Sauna-Clubs) als Bereicherung des Stadtbildes zu verharmlosen, ist bestenfalls naiv.“Eine Klarstellung: Leicht bekleidete Frauen auf Autozubehör sind auch nicht unbedingt nach meinem Geschmack. Ich hatte ein Werbeplakat unserer örtlichen Stadtwerke im Kopf, auf der eine hübsche junge Dame (bekleidet) freundlich in die Kamera lächelt. Da ging mir einfach das Herz auf. Ganz naiv.Werbung dieser Art mag trotzdem eine Perpetuierung unseres omnipräsenten Unterdrückungssystems sein. Als unkritischer Apologet der herrschenden Verhältnisse sehe ich das zwar nicht so, habe aber auch keine Lust, mich näher an dieser Debatte zu beteiligen.Hintergrund meines Beitrags war nämlich folgender: Ich wurde als Chef des Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität um ein persönliches Statement zu der Frage nach meiner Haltung zu Werbung in den Städten gebeten; diesem Wunsch kam ich nach, da m. E. sehr wichtig ist, dass Hochsensibilität als psychologisches Konstrukt bekannter wird. Ich schrieb daher, was ich zu der Frage dachte, in der Hoffnung, es würde etwas Aufmerksamkeit auf Hochsensibilität lenken.Naja, vielleicht hat es ja trotzdem funktioniert. Zitat: „Möglicherweise habe ich Ihre Motivation falsch beurteilt und Sie sind kein dummer Sexist;“Das könnte sein, ja.
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