"Schließen sich Energiewende und bezahlbares Wohnen aus?"

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Ehemaliges Doppelhaus in Eisenach, die linke Haushälfte ist mittlerweile abgerissen, Foto: Max von Trott 


Bis vor kurzem galt es als ausgemacht, dass die Bewältigung der Energiewende in der Architektur ein rein technisches Problem sei, das Architekten, Ingenieure und Klimatechniker lösen könnten. Doch mittlerweile wird immer klarer, dass die Energiewende in Wirklichkeit die soziale Frage der Architektur neu stellt. Ob wir es wollen oder nicht, die energetische Optimierung der Architektur macht das Bauen zumindest kurz- und mittelfristig teurer. Die Kosten der energetischen Sanierung des Bestandes durch zusätzliche Außendämmung werden in der Regel auf die Mieter umgelegt – mit der Folge, dass sich viele von ihnen ihre Wohnungen nicht mehr leisten können (ein Problem, dass sich bei der Entsorgung dieser Kunststofffassaden in 20 bis 30 Jahren wiederholen wird). Auch führen stetig verschärfte Neubaustandards zunächst zu Mehrkosten. Dass diese durch spätere Einsparung bei den Betriebskosten wieder reingeholt würden, ist bisher nur ein Versprechen, aber noch nicht nachgewiesen.

Diese Verteuerung des Bauens für den guten Klimazweck fällt in eine Zeit, in der die Energiekosten insgesamt steigen. Energiearmut ist mittlerweile ein Alltagsphänomen. Einer Studie der Verbraucherzentrale NRW zufolge haben 10 bis 15 Prozent der deutschen Bevölkerung Schwierigkeiten, ihre Strom- und Gasrechnung zu bezahlen, heizen im Winter nur noch stundenweise und lassen abends auch mal die Lichter aus. Jährlich bekommen 600.000 Haushalte den Strom von ihrem Versorger gleich ganz abgedreht. Erschwerend kommt hinzu, dass private Haushalte über die gerade noch einmal erhöhte EEG-Umlage auch den Löwenanteil der Ausbaukosten der Erneuerbaren Energien tragen müssen. Dagegen werden immer mehr „energieintensive Betriebe“ im Interesse ihrer globalen Wettbewerbsfähigkeit von dieser Umlage befreit. Dabei handelt es sich derzeit um mehr als 1000 Unternehmen (darunter auch Hähnchenmastbetriebe und Golfplätze), die ca. 18 % des gesamten Stroms verbrauchen, aber nur 0,3 % der Kosten des Energieausbaus beitragen.

Wenn aber der notwendige ökologische Umbau unserer Gesellschaft zunehmend mit sozialer Ungerechtigkeit assoziiert wird, droht auch die Energiewende im Bauen in Verruf zu geraten. Wenn sie nicht scheitern soll, müssen Architekten Wege aufzeigen, wie wir heute sowohl nachhaltig als auch bezahlbar bauen können. Strategien des energetisch effizienten und Ressourcen schonenden Stadtumbaus, wie sie Druot, Lacaton & Vassal mit ihrem Tour Bois le Prêtre in Frankreich vormachen, zeigen neue Spielräume auf, die kürzlich der Wiener Standard aufdeckte. Oder steht uns dabei der deutsche Paragraphenwald im Weg und müssen wir deswegen das neue Energiepräkariat als unvermeidlichen Kollateralschaden des klimagerechten Bauens hinnehmen? Schließen sich also Energiewende und bezahlbares Wohnen aus?

 

Jörg Seifert / 12.11.2012 / 21:52

Architekturkritiker und Stadtforscher, Hamburg

Nein ...

… keineswegs, aber die Kosten der Energiewende als gesamtgesellschaftliche Aufgabe müssen sozial gerecht verteilt werden. Die Diskussion um Energiepreise muss vor allem ehrlich geführt werden, mit Bauen hat das zunächst wenig zu tun.Nicht Energiewende und soziales Wohnen stehen im Widerspruch - wenn wir auf diese Diskussion einsteigen, sind wir schon auf die Polemiken der Gegner der Energiewende hereingefallen. Im Widerspruch stehen bestenfalls nachhaltiges und soziales Bauen. Langfristig gesehen kann aber die Forcierung erneuerbarer Energien sogar dazu führen, von der eindimensionalen Diskussion „nachhaltig ODER sozial“ wegzukommen.Klimaschutz hat seinen Preis, lässt sich aber nicht auf Emissionen und Dämmstärken beschränken, sondern hat neben Fragen von Typologie, Dichte und Mobilitätsfolgekosten ebenso mit Hochwertigkeit, Langlebigkeit und Nutzungsflexibilität zu tun. Bezeichnenderweise handelt es sich bei den heute so hoch im Kurs stehenden Gründerzeitbauten mit ihren großzügigen, neutralen Grundrissen um Spekulationsobjekte mit gehobener Klientel als Zielgruppe. Ein mit sozialen Argumenten begründetes billiges Bauen, das im Hinblick auf untere Einkommensschichten bei Substanz, Grundrissen, Ausführung und Ausstattung wesentliche Abstriche macht, kann dagegen kaum zu diesen Qualitäten der Beständigkeit führen.Nicht die Suche nach Kompromissen zwischen nachhaltigem und sozialem Bauen ist zielführend, vielmehr ist nachhaltiges BAUEN mit sozialem WOHNEN in Einklang zu bringen.Wir sollten uns vom Sozialwohnungsbau, verstanden als sozial begründet billigem Bauen, verabschieden. Das Ziel sollte stattdessen die Durchsetzung eines hochwertigen, langlebigen Bauens auf breiter Ebene sein. Dabei gilt es eben u.a. auch, Aspekte des Raumklimas gegen Energieoptimierung und Emissionswerte vernünftig abzuwägen - die Energiewende könnte hierbei entkrampfend wirken und der Dämmstoffindustrie längerfristig den Wind aus den Segeln nehmen. Gleichzeitig ist aber ein sozial verträgliches Wohnen über geeignete Mechanismen der Sekundärverteilung zu gewährleisten - etwa durch konsequente Abschöpfung von Spekulationsgewinnen. Modelle hierfür gibt es fast ebenso lange wie Spekulationswohnungsbau.Die Probleme sind aber primär wirtschaftspolitischer Natur: So lange die Immobilienwirtschaft direkt oder indirekt maßgeblichen Einfluss auf die Wohnungspolitik ausüben kann, bleiben solche Modelle leider Sozialutopien. Und solange es der Energiewirtschaft gelingt, Politik dazu zu bewegen, die Energiewende wesentlich auf die Verbraucher abzuwälzen, werden auch die Diskussionen um Energiesparen und Bauen schnell verzerrt.Jörg Seifert ist als freier Kritiker, Fachjournalist und Stadtforscher tätig, seit 2008 lehrt und forscht er an der HafenCity Universität Hamburg.
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Michael Scharp / 9.11.2012 / 12:54

Wissenschaftler in der Zukunftsforschung

Jein ...

Ein klares Jein zu dieser Frage.Wer einmal selber gebaut hat, weiß um die unterschiedlichen Kosten und die Rentabilität von EE und Energiesparmaßnahmen. Dämmung an allen Ecken und Enden, hochisolierende Fenster sowie eine Brenntwerttherme rechnen sich. Nach schätzungsweise 10 bis 15 Jahren ist das Geld wieder eingespielt. Bei einer Wärmepumpe kann es länger dauern bis sich ca. 15.000 € Mehrkosten bei gleichzeitig hohen "Wärmepumpen-Stromtarifen" rechnen. Nicht zu vergessen: Bei niedriger Tilgung werden die Rentabilitäten immer länger. Solarthermie ist eigentlich etwas für Liebhaber, PV rechnete sich zumindest bei höheren EEG-Vergütungen. Und im Mietwohnungsbau? 11% der Kosten für Energiesparmaßnahmen kann umgelegt werden. Aber nicht nur 9 Jahre, sondern für immer. Wer garantiert dem Mieter, dass er tatsächlich 11% weniger Energiekosten hat? Warum soll er den Mehrwert für den Eigentümer zahlen?Als individueller Bauherr sollte man um diese Problematik wissen, auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene hat der Einzelne kaum einen Einfluss. Diejenigen, die über Kapital verfügen, nutzen die Förderung des EEG für große und größte PV-Anlagen. Für Unternehmen rechnet es sich besonders aufgrund der Abschreibungen. Windenergieanlagen sind fast immer Investorenmodelle. Während ich mich als Eigentümer noch entscheiden kann, ob ich eine PV-Anlage will oder nicht, hat der Mieter im sozialen Wohnungsbau nicht die Wahl, aber bezahlen muss er ohnehin.Andererseits sollte uns klar sein, dass eine saubere Energieversorgung nicht zum Nulltarif zu haben ist. Die Atomkraft wurde über Jahrzehnte subventioniert und die Unternehmen haben gigantische Rückstellungen gebildet für den Abriss. Auch dies haben alle Stromverbraucher bezahlt. EE werden gebraucht, aber welche Energie zu welchen Kosten erzeugt wird, muss geregelt werden. Wenn schon subventioniert wird, dann aber in die kostengünstigste Energieerzeugung.Für mich lautet das Fazit: Die, die wenig haben, zahlen für die, die von der Energiewende besonders profitieren. Soziale Gerechtigkeit ist dies nicht. Dr. Michael Scharp, promovierter Chemiker und Magister der Philosophie, arbeitet seit 1996 als Projektleiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Wohnungswirtschaft, nachhaltiges Bauen und Wohnen, ökologisches Wirtschaften und Methodenentwicklung. Im Arbeitsfeld Bauen und Wohnen beschäftigt sich Dr. Scharp mit den Themen Nachhaltigkeit und Eigenheimbau, Zersiedelung sowie Strategien der kostengünstigen Baulandentwicklung.
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Dietmar Eberle / 7.11.2012 / 18:11

Architekt, Baumschlager Eberle / ETH Zürich

Jein ...

Die Frage ist ganz einfach zu beantworten. Ja, wenn wir weiterhin ein Weniger an Energieverbrauch mit einem Mehr an Technik bezahlen. Ja, wenn wir uns den Parametern von Politik und Industrie beugen. Nein, wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass die Etablierung einer übertechnisierten Umwelt in jeder Hinsicht teurer kommt als der intelligente Umgang mit der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten.Bauen bedeutet das Lenken der Energieströme, und da haben wir als Architekten schon viel zu lange das Ruder anderen überlassen. Wir jammern gerne über die hohen Kosten für Gebäudeinstallationen und vergessen das Wesentliche unserer Zunft: Es sind die elementaren Mittel der Architektur, die ein Bauen möglich machen, das den geringeren Energieverbrauch mit einem schmaleren Technikeinsatz verbindet. Es geht also darum, Objekte zu entwerfen, die mit der städtebaulichen Positionierung, ihrer Form und ihrer Hülle den Einsatz von Ressourcen reduzieren.Wie weit man das gesamtheitliche System der Architektur optimieren kann, zeigt unser neues Büro in Lustenau. Dort werden wir ohne Subventionen, ohne Fremdenergie und mit einem sehr geringen Maß an Haustechnik zur komfortableren Steuerung der Energieströme auskommen. Apropos Komfort und Kosten: Das Bürohaus in Lustenau ist preisgünstiger als geförderter Wohnbau in Österreich. Weniger Energieverbrauch mit weniger Technik ist machbar, ohne auf den allgemein üblichen Anspruch in Europa auf Behaglichkeit zu verzichten.Dietmar Eberle, geb. 1952, war nach seinem Studium zusammen mit Markus Koch, Norbert Mittersteiner und Wolfgang Juen Mitbegründer der "Vorarlberger Baukünstler" (1979–1982). Heute ist Baumschlager Eberle mit mehreren Büros in Europa und Asien präsent. Neben der Lehre an zahlreichen Universitäten erhielt er 1999 einen Ruf an die Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich und leitet dort das ETH Wohnforum. Von 2003 bis 2006 war er Vorsteher des Departements Architektur. Eberle ist Ehrenmitglied des American Institute of Architects (AIA).
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Christoph Kruppa / 6.11.2012 / 19:59

Architektur Büro Kruppa, Düren

Nein ...

Solange wir das falsche Konzept, nämliche fossile Brennstoffe mit entsprechendem CO2 Ausstoß zu "optimieren" auf die Spitze treiben, werden sich Energeiwende und bezahlbarer Wohnraum wohl tatsächlich aussließen. Wir sind an dem Punkt an dem wir unverhältnismäßig viel Aufwand treiben, um noch ein paar zehntel mehr Einsparung "herauszuholen", oft gegen Nutzerverhalten und Budget und eben aus den falschen Energieträgern!Wenn wir aber endlich begreifen, dass unsere Energie aus regenarativen Quellen kommen muss und bestenfalls sogar dezentral hergestellt wird, sehe ich sehr gute Chancen mit der Energeiwende auch bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen.Ich sehe bei dieser Form der Energeinutzung auch wieder mehr kreative Freiheit, da meine Entwürfe nicht mehr so stark von energietechnischen Vorgaben beeinflußt werden.
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Sabine Drewes / 6.11.2012 / 13:56

Politikwissenschaftlerin und Referentin für Kommunalpolitik und Stadtentwicklung, Berlin

Nein ...

Die energetische Gebäudemodernisierung ist ein Thema, das eng mit sozialer Gerechtigkeit zusammenhängt. Die Heizkosten schlagen in durchschnittlichen Haushalten mit ca. 40% der Ausgaben für Energie zu Buche, die Stromkosten dagegen mit ca. 25%. Strom, Gas und Heizung sind wiederum die größten Kostentreiber bei den Mieten. Während die Verbraucherpreise generell von 1995 bis 2012 um 30 % gestiegen sind, stiegen die Energiepreise im gleichen Zeitraum um 110%. Es wird auch weiterhin mit erheblich wachsenden Brennstoffpreisen gerechnet: So veranschlagt die Verbraucherzentrale NRW um 59% höhere Heizölkosten bis 2020. Unter explodierenden Energiepreisen leiden am meisten diejenigen, die in alten, unsanierten Gebäuden wohnen, und das sind meist Haushalte mit geringen Einkommen. Es ist keineswegs sozial, diese Menschen, die häufig aufgrund ihrer sozialen Lage nicht umziehen können, ihrem Schicksal zu überlassen. Umgekehrt ist die energetische Gebäudemodernisierung in vielen Fällen nicht die Ursache für explodierende Mieten. Wo die Märkte es hergeben wie z.B. in den Innenstadtlagen Berlins, Hamburgs und Münchens, werden die Spielräume zur Mieterhöhung genutzt, häufig ganz ohne Wohnwertverbesserung.Natürlich kostet die energetische Gebäudemodernisierung Geld, und die Investitionskosten müssen verteilt werden – möglichst gerecht, auch verursachergerecht – und sozial ausgewogen. Es handelt sich auch insgesamt um keine geringe Summe, da wir eine anspruchsvolle Modernisierung mit einer relevanten Energieeinsparung brauchen. Wie das z.B. gelingen kann, zeigt die energetische Quartiersmodernisierung, die eine gut gedämmte Gebäudehülle und eine Umstellung auf regenerative Wärmeversorgung integriert betrachtet. Ein best practice dazu liefert z.B. die Volkswohnung Karlsruhe: Dort wurden in einem Quartier Wohnungen warmmietenneutral von 175 KWh m2/a auf 103 KWh heruntergedämmt und dann der Wärmebedarf mittels regenerativer Wärme im Quartier auf 30 KWh gesenkt. Weitere Instrumente wie ökologische Mietspiegel, Heizkostenzuschüsse etc. stehen zur Verfügung – man muss sie nur nutzen wollen!Sabine Drewes, geb. 1966, ist Referentin für Kommunalpolitik und Stadtentwicklung bei der Heinrich-Böll-Stiftung. Von 1997 bis 2002 war sie Referentin für Publizistik bei „Grüne/Alternative in den Räten Nordrhein-Westfalens“ (GAR-NRW). Sie studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Zwischen 1994-97 arbeitete Drewes als freiberufliche Journalistin (Zitty, Deutschlandradio, Deutsche Welle Fernsehen, Canadian Broadcasting Corporation). Sie ist Mitherausgeberin von „Das neue Gesicht der Stadt. Strategien für die urbane Zukunft im 21. Jahrhundert“ (2006), "Urban Futures 2030" (2009) und "Urban Futures 2050" (2011).
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Daniel Niggli / 5.11.2012 / 10:34

Architekt, EM2N, Schweiz

Ja ...

Die Energiewende wird das Bauen zweifellos verteuern. Doch stellt das natürlich nicht die Notwendigkeit in Frage, dass wir uns von fossilen Energieträgern verabschieden müssen.Wir müssen jedoch das „große Ganze“ im Auge behalten. Inzwischen schlagen wir uns ja nicht nur mit den energetischen Anforderungen der 2000W-Gesellschaft herum, arbeiten uns an zero-emission-buildings und low-ex-Haustechnik ab und versuchen verzweifelt, immer strengeren Ökolabeln wie Minergie, Minergie A, Minergie P, Minergie P Eco oder sogar Minergie P Eco Plus zu entsprechen. Nein, daneben gibt es mittlerweile ja auch ganz viele andere, an sich politisch korrekte Anliegen, die das Bauen zunehmend in eine Zwangsjacke aus fixen Vorgaben stecken: die gesetzliche Forderung nach genereller Barrierefreiheit zum Beispiel, die Schwellenhöhen, Korridorbreiten, Badezimmergrössen, Lifteinbauten etc. regelt und damit die typologische Bandbreite des Wohnungsbaus dramatisch homogenisiert > Mies hat über Loos gesiegt!), allumfassende Brandschutznormen, Erdbebensicherheit, Störfallverordnungen, hygienische Vorschriften aller Art, Komfortrichtlinien etwa in bezug auf Kaltluftabfall und sommerlichen Wärmeschutz etc., externe und interne Lärmschutzanforderungen, 2-Stunden Schatten, restriktiver Denkmalschutz, Lebenszykluskosten inklusive Grauenergiewertbilanzen (was die Auswahl an kostengünstigen Konstruktionssystemen für Aussenwände ziemlich einschränkt) und so weiter und so fort. Konfrontiert man nun „politisch" definierte Mietpreisvorstellungen mit den Konsequenzen der Energiewende und der geballten Ladung an sonstigen "must-haves",entsteht daraus zwangsläufig ein hoffnungslos überdeterminiertes System.Und die Schwierigkeiten, architektonische und städtebauliche Anliegen in ein derart hypertrophes Konstrukt zu integrieren, wollen wir an dieser Stelle nicht weiter ausführen.Um die gestellte Frage also mit „Nein“ beantworten zu können, müssten wir radikale Prioritäten setzen. Oder mit anderen Worten: Wir müssten wieder verzichten lernen! Raus aus der Komfortzone einer allumfassenden Regulierung für alles und jedes und jeden. Mehr Freiheit und Selbstverantwortung, weniger Vorschriften und mehr gesunden Menschenverstand. Nicht von allem etwas, sondern von etwas viel - also doch „less is (often) more"? Daniel Niggli (*1970) gründete mit Mathias Müller 1997 das Architekturbüro EM2N in Zürich. Seitdem zeichneten sie mehr als 100 Wettbwerbe und realisierten zahlreiche Bauten in der Schweiz und im Ausland. 2005 waren Mathias Müller und Daniel Niggli Gastprofessoren an der ETH Lausanne und von 2009–2011 Gastdozenten an der ETH Zürich.
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André Kempe / 2.11.2012 / 16:01

Architekt, Atelier Kempe Thill, Niederlande

Ja ...

... sie schließen sich aus, wenn die Anforderungen an den Energiestandard des einzelnen Hauses bzw. der einzelnen Wohnung weiterhin unreflektiert in die Höhe geschraubt werden.Seit den 1920er Jahren wurde systematisch versucht, den Sozialwohnungsbau von seiner Stigmatisierung als ärmliche Wohnform, als Wohnen für das Existenzminimum zu befreien. Die Mittel für sozialen Wohnungsbau waren schon immer knapp bemessen. Aber mit der Einführung von sich ständig erhöhenden Energiestandards lassen sich preiswerte und ansprechende Wohnungen, die mehr bieten als von Mindesttageslichtanforderungen abgeleitete Schießschartenfenster mit 50 cm tiefen Laibungen, nicht mehr realisieren.Die in den letzten Jahrzehnten gesteigerten Anforderungen an Wärmedämmung bzw. die Verbesserung der Energiebilanz von Neubauten insgesamt haben zweifellos zu einer qualitativen Verbesserung des Wohnungsbaus geführt, was wir am Beispiel der Niederlande auch aus eigenen Bauerfahrungen gut belegen können. Trotz hoher energetischer Anforderungen und knapper Budgets konnte man hier bisher dank sehr kompakter Typologien eine Architektur machen, die in ihren räumlichen Qualitäten an Raumkonzepte der klassischen Moderne anschließt: eine luftige, offene Wohnarchitektur. Mit der Steigerung der energetischen Anforderungen zum Passivhausstandard scheint aber ein Wendepunkt erreicht. Das Gebäude wird in einem Maß gedämmt, das vergleichbar ist mit einem Menschen, der auch im heißesten Hochsommer in dicken Wintersachen herumläuft – und sich darüber freut, sich so den Rest des Jahres nicht mehr umziehen zu müssen. Das „Passive“ des eingemummelten Hauses wird durch den Aufwand für eine „aktive“ Haustechnik (zum Teil bereits 35% der Baukosten) etwa für die Gebäudekühlung im Sommer konterkariert. Der steigende Energieverbrauch durch die zusätzliche Haustechnik geht in die Energiebilanz offiziell oft nicht ein. Der Energieverbrauch ist bereits bei einem nach ENEV-Standard gedämmten Haus sehr gering. Jede weitere „Verbesserung“ ist ein unverhältnismäßiger Kampf um lächerliche Margen. Schlussendlich liegt die Gesamtenergiebilanz häufig bei lediglich 30% der versprochenen Einsparungen. Dass die verwendeten Dämmstoffe, deren Lebensdauer auf 50 Jahre geschätzt wird, in der Realität bereits nach 35 Jahren ersetzt werden müssen, wird geflissentlich ignoriert – genauso wie die Frage, wer eigentlich die Entsorgungskosten dieses Sondermülls übernehmen wird. Last but not least wird durch die stetige Zunahme der Wanddicken auch die Grundstücksauslastung immer schlechter.Mit dem Passivhaus ist die „Energiebewegung“ – ganz im Marx’schen Sinne – an einem Wendepunkt angekommen und tritt nun in ihre dekadente Phase ein. Die Architektur als eines der letzten Glieder in der Kette der Gesamtenergiebilanz einer Gesellschaft wird überbewertet und überfrachtet mit Anforderungen, die sie nicht erfüllen kann. Abgesehen von seinem eigenen Verbrauch soll das einzelne Haus nun möglichst auch noch all das sparen, was außerhalb seiner selbst im großen Maßstab verschwendet wird. Eine unheilige Allianz aus einer verdünnten grünen Realpolitik, dreisten Dämmstofflobbys und einfältigen Weltverbessererarchitekten doktert in penetrantem Ökostrebertum am einzelnen Gebäude herum. Gleichzeitig feiern auf der städtebaulichen Ebene weiterhin ineffiziente autoabhängige Einfamilienhaussiedlungen fröhliche Urstände, und als alternative Energiequelle werden Solarpanele gefördert, obwohl sie vollkommen unrentabel sind. Mit einem unerträglich moralisierenden und quasireligiösen Weltrettungsduktus stürzt sich vor allem Deutschland mit seinem bekannten technischen Perfektionismus auf das einzelne Haus und zerstört – um vor allem im Wohnungsbau all die sogenannte „Nachhaltigkeit“ bezahlbar zu machen - das letzte Quäntchen Architektur.André Kempe (*1968 in Freiberg), studierte 1990-1997 Architektur an der TU Dresden. Nach ersten Erfahrungen in verschiedenen niederländischen Architekturbüros gründete er im Jahr 2000 zusammen mit Oliver Thill das Architekturbüro Atelier Kempe Thill mit Sitz in Rotterdam. Das Büro arbeitet zur Zeit an Aufträgen in verschiedenen Ländern im mitteleuropäischen Raum, wurde 2011 „Architect of the Year NL“ ausgezeichnet und hat eben bei HatjeCantz eine umfassende Monographie veröffentlicht.
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Arno Brandlhuber / 31.10.2012 / 10:15

Architekt, Berlin

Ja ...

... zumindest solange wie sich die Energiewende unter dem nicht unerheblichen Einfluss der Dämmstoffindustrie nur auf die Einsparung von Energie bezieht und somit nur den Verbrauch betrifft. Doch das ist grundlegend falsch und realitätsfremd. Wenn Energiewende und bezahlbares Wohnen sich sich nicht mehr ausschließen sollen, muss man die Bedeutung von Energie für das Bauen viel umfassender darstellen. Als erstes müsste man eine gesamtenergetische Bilanzierung durchführen, in der z. B. die eingesetzten Dämmstoffe samt Entsorgung und Kosten mit eingerechnet werden. Jedes Kapital hat schließlich Prozesse hinter sich, die wiederum mehr Energie verbrauchen. Dann hätte man eine genauere Evaluierung, in der auch die graue Energie, die z.B. in der energetischen Sanierung von Altbauten oder in Abriss und Neubau steckt, mit kalkuliert wird.Es müsste also die ganze Energieeinsparverordnung umgeschrieben werden, und dafür ist die Frage nach dem Standard entscheidend: Es macht doch überhaupt keinen Sinn, wenn die aktuelle ENEV vorschreibt, Passivhäuser mit einer mechanischen Lüftung zu bauen. Da geht jede Wohnqualität verloren. Die Energiewende müsste schneller und vor allem auch inhaltlich stärker vorangetrieben werden – das könnte mit indirekten Mitteln funktionieren. Wäre es nicht sinnvoller und besser, in kleineren Räumen zu wohnen, die dafür eine höhere Qualität haben? Oder, als Alternative dazu, einen Innenraum nicht mehr in seiner Gesamtheit identisch zu temperieren, sondern ihn in verschiedene Klimazonen aufzuteilen und diese je nach Bedarf unterschiedlich zu temperieren? Das ist in der ENEV komplett ausgeschlossen, alternative Berechnungsmethoden sind da undenkbar. Das liegt auch daran, dass in diesem Werk von Grund an eine Eigenlogik eingeschrieben ist, die eben immer in einer maximalen Dämmung resultiert.Wir müssen uns heute mit anderen Typologien, Nutzungen und viel kleineren Raumkonzepten auseinandersetzen, und das bedeutet: Viel kleiner Wohnen! Es wird immer mehr Wohnraum verbraucht und es wird ebenso immer mehr gedämmt. Diejenigen, die über sehr viel Wohnraum verfügen, haben die gleiche ENEV Energieeinsparverordnung zu erfüllen, obwohl sie pro Kopf wesentlich mehr Energie verbrauchen. Dabei gibt es pro Person einen gewissen Fußabdruck, der sich an verschiedenen Stellschrauben einstellen lässt. Wenn man sagen würde, pro Person und pro Wohnung darf nur ein bestimmtes Maß an Energie verbraucht werden, hätte das Konsequenzen: Jemand, der sich 250 Quadratmeter gönnt, müsste dann auch einen halben Meter Dämmung und eine Zwangslüftung haben. Andere hingegen, die auf bescheidenen 30 Quadratmetern wohnen, dürften viel freier bauen. Das könnte ein starker Anreiz sein, anders über Größen nachzudenken. Außerdem würde es ermöglichen, günstiger zu bauen und gleichzeitig die Beschränkungen, die eine Hochwärmedämmung mit sich bringen, auch gestalterisch zu umgehen. Für das Bauen im Bestand würde das bedeuten, wenn man schon auf 250 Quadratmetern wohnt, dann heizt man im Winter eben nur 50 Quadratmeter. Der Rest der Wohnung wird dann zu einer Übergangszone zwischen Innen und Außen, ähnlich wie ein Wintergarten, und da kann man sich durchaus schon mal warm anziehen.Arno Brandlhuber ist Gründer des Architekturbüros Brandlhuber+, zuerst in Köln, seit 2006 in Berlin. Seit 2003 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Architektur- und Stadtforschung an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Als Spin-Off seines Studienprogramms initiierte Brandlhuber 2009 zusammen mit Anna-Catharina Gebbers, Silvan Linden und Christian Posthofen in Berlin das öffentliche Seminar akademie c/o, das sich im Wesentlichen mit der Raumproduktion der Berliner Republik beschäftigt.
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Engelbert Kortmann / 29.10.2012 / 18:09

Bauingenieur und -unternehmer, Nordkirchen

Nein ...

Nein, sie schließen sich nicht aus, werden aber zu einem veränderten Konsumentenverhalten führen (müssen).Unter der Vorraussetzung, dass das verfügbare Einkommen großer Teile der Bevölkerung in den kommenden Jahren nicht wesentlich steigen wird, werden die Kosten der Energiewende im Bereich Wohnen zu Lasten anderer Konsumbereiche des Lebens (Kleidung, Auto, Reisen, Möbel usw.) gehen. Das wird sicher für Viele schmerzhaft, aber es ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Bei der persönlichen Abwägung im Vergleich zu vielen anderen Ausgabepositionen hat das Wohnen sicher einen besonders hohen Stellenwert.Allerdings sind harte Auseinandersetzungen und Verteilungskämpfe zu erwarten! Engelbert Kortmann ist seit 1981 geschäftsführender Gesellschafter der F. Kortmann GmbH in Nordkirchen und seit 2010 Geschäftsführer und Gesellschafter der wtw GmbH, Gesellschaft mit wirtschaftlicher Technik für Wohnungsunternehmer in Essen. Ehrenamtliche war er u.a. 1997-2001 Vorstand im Förderverein des DAZ (Deutsches Architektur Zentrum, Berlin) und 2005-2007 Vorstandsvorsitzender des Förderverein Bundesstiftung Baukultur e.V. und ist seit 2012 gewähltes Mitglied des Stiftungsrats der Bundesstiftung Baukultur.
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Axel Gedaschko / 28.10.2012 / 21:17

Jurist und GdW-Präsident, Berlin

Nein ...

Die Energiewende ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt, das viele Chancen für eine lebenswertere Zukunft birgt, gleichzeitig aber alle Beteiligten vor enorme Herausforderungen stellt – so auch die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft. Der derzeit insbesondere in Ballungsräumen dringend notwendige Wohnungsneubau beispielsweise ist durch die energetischen Anforderungen so teuer geworden, dass er sich häufig nur noch im oberen Mietpreissegment rechnet. Die Bundesmittel für die Wohnraumförderung müssen dazu auch nach 2013 in mindestens gleicher Höhe von 518 Mio. Euro pro Jahr fortgesetzt werden. Zusätzlich muss der Wohnungsneubau in Ballungsregionen durch das Bereitstellen von preiswerten Baugrundstücken in ausreichendem Umfang gefördert werden. Darüber hinaus darf die energetische Sanierung von Wohnbeständen keinesfalls dazu führen, dass Mieter – insbesondere aus unteren Einkommensschichten – gezwungen werden auszuziehen, weil die Kaltmiete infolge der Sanierungsumlage teurer wird. Dort, wo kein Ausgleich von Mehrkosten durch staatliche Transferleistungen möglich ist, muss durch die Höhe der Förderung der Effekt vermieden werden, dass der preiswerte Wohnraum in Deutschland energetisch wegsaniert wird. Wenn die Mieten bezahlbar bleiben sollen, müssen wir die klimapolitischen Vorgaben auch anders als nur mit Dichten und Dämmen angehen – etwa durch dezentrale Energieversorgung im Gebäudebereich, sei es durch die Nutzung von Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung, durch Geothermie oder auch durch den Einsatz von Fotovoltaik-Anlagen.Fest steht: Die Energiewende kann nur gemeinsam gelingen. Sie muss von allen – Staat, Politik, Gesellschaft und Marktakteuren – gemeinsam getragen werden, die Lasten gerecht verteilt werden. Damit die Energiewende bezahlbares Wohnen in Zukunft nicht ausschließt, muss ein angemessenes Kostenniveau für Wohnraum sowohl über Förderung als auch den Ausbau der dezentralen Energieversorgung gesichert sein.Axel Gedaschko, geb. 1959, ist seit Februar 2011 Präsident des GdW, Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Er ist studierter Jurist und war für den Landkreis Harburg sowie als Staatsrat der Freien Hansestadt Hamburg tätig. Er ist ehrenamtlich für verschiedene Vereine tätig.
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Thomas M. Krüger / 28.10.2012 / 21:03

Architekt, Berlin

Jein ...

1. Ja, wenn die technischen Aspekte überbewertet werden und die entwerferische Fantasie im Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit vernachlässigt wird.Nachhaltigkeit bedeutet auch Flächenausnutzung, Dichte und Nutzung vorhandener innerstädtischer Nahverkehrsstrukturen. Neben der „Dämmwut“ und dem „Einpacken“ von Gebäuden, sollte man durch Umnutzungen und intelligente Nutzungsüberlagerungen Energie sparen. Gerade bei Umbauten sollte die energetische Ertüchtigung nicht als Allheilmittel gesehen werden. Ausnahmeregelungen von der geltenden EnEV sollten einfacher möglich sein, um experimentelle Ansätze, z.B. um Selbstausbau zu fördern.2. Nein, wenn man mehr auf die Umnutzung von leerstehenden Büro-, Kultur- und Gewerbeimmobilien zu preiswertem Wohnraum setzt.Weil Wohnen und Arbeiten sich zunehmend und sicherlich zukünftig noch stärker zeitlich und räumlich überlagern wird sollte auch in die Umwandlung von reinen Bürogrundrissen in Wohnungseinheiten mehr Fantasie und Geld investiert werden. Marode Stadtteilzentren, Kulturbauten, Schulen und leerstehende Läden, sowie un- und untergenutzte Bürogebäuden sollten auf Wohnfähigkeit untersucht werden. Damit steht ein großer Fundus als Wohnpotential zur Verfügung. Dazu gehört Fantasie, Mut und die Fähigkeit, unkonventionell zu denken.3. Nein, wenn man bereit ist, auf Platz zu verzichten und wieder mehr Dichte wagt.An den meisten Unesco-Weltkulturerbe-Siedlungen der 20er Jahre, den Interbau 57- und IBA-Bauten 84-87 in Berlin kann man lernen, dass man durch durchdachte Grundrisse und guten Freiraumbezug preiswerten, platzsparenden Wohnraum mit hoher Qualität für viele schaffen kann. Die in der Regel kleinen Wohnungen sind auch heute noch außerordentlich beliebt und zeigen, dass der Trend zu immer mehr Wohnraum pro Bewohner und Quadratmeter (1950: 12qm – 2010: 40 qm) in die falsche Richtung geht. Eigentumsorientierte Baugruppen-Projekte, Townhouses und klein parzellierte Mehrfamilienhäuser (Tübingen, Freiburg) allein können deshalb nicht das Wohnungsbauproblem lösen, da diese Bewohnerschaft in der Regel privilegiert und vermögend ist und sich selbst helfen kann. Außerdem ist oft ein unwirtschaftlicher, nicht nachhaltiger Flächenverbrauch die Folge.3. Ja, wenn bei Wohnungsbaugesellschaften weiter nichts gewagt und nur verwaltet wird.In den Wohnungsbaugesellschaften müssen wieder Planer, Architekten und Städtebauer, nicht nur Kaufleute in Führungspositionen gebracht werden. Es muss wieder mehr Flächen sparender Geschosswohnungsbau gebaut werden. Neben der städtischen Einflussnahme durch Grundstücksvergabe für preiswerte und ökonomische Wohnungsbauten sollten kleine Wettbewerbsverfahren durchgeführt werden mit der unbedingten Vorgabe, kostengünstig, flexibel, experimentell und gestalterisch anspruchsvoll zu planen. Förderung ist in diesem Sektor auf allen Ebenen notwendig. Gerade junge Planungs-Büros sollten gezielt zu Konzeptfindungen angeregt werden.Thomas M. Krüger, geb. 1958, ist Gründer von „Ticket B – Stadtführungen von Architekten“ und des internationalen Netzwerks guiding-architects.net. Nach seinem Architekturstudium in Braunschweig, Darmstadt und Berlin, arbeitete er als freier Architekt in Berlin und war als Gastdozent an der TU Berlin tätig.
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Sabine Djahanschah / 28.10.2012 / 21:02

Architektin und Referatsleiterin DBU, Osnabrück

Nein ...

... die Energiewende soll letztlich die Abhängigkeit von endlichen Ressourcen entkoppeln und auf regenerative Ressourcen umstellen. So kann das Risiko mittelfristig nicht absehbarer Energiepreissteigerungen und Konflikte um die verbleibenden Rohstoffe reduziert werden.Steigende Miet-Nebenkosten können als sogenannte zweite Miete gerade einkommensschwache Schichten empfindlich treffen. Jedoch sollten die diskutierten hohen Kosten Energie effizienter Sanierungen und deren soziale Folgen hinsichtlich ihrer Plausibilität hinterfragt werden. Instandhaltungsrückstau und fehlende Rücklagen für absehbare Sanierungszyklen sind hier Teil des Problems. Die Mehrkosten eines optimierten Energiestandards rechnen sich in der Regel über den Lebenszyklus. Das Drehen an den Stellschrauben der „Sowieso-Kosten“ einer fälligen Sanierung sowie an dem durch einen besseren Standard erreichten Restwert einer Immobilie entscheidet über die dargestellte Wirtschaftlichkeit.Unsere Gebäude sollten nicht auf Energiesparmaschinen reduziert werden. In erster Linie sollen sie möglichst optimierte Nutzungsmöglichkeiten bieten. Sie bilden Lebens- und Stadträume, deren Qualität in vernetzten Abwägungsprozessen optimiert und betrachtet werden sollte.So sind für die Gesamtenergiebilanz auch städtebauliche Faktoren wie Nutzungsmischung, Verdichtung und kurze Wege entscheidend. Verkehrsreduktion entsteht nicht durch die Verdrängung von Wohnnutzungen in die Vorstädte. Steigende Boden- und Immobilienpreise führen jedoch zu diesem Trend, der die Forderung nach sozialem Wohnungsbau rechtfertigt.Schlecht gedämmte Häuser haben ebenso Komfortprobleme. Kalt abstrahlende Wände und Fensterflächen sowie Zugerscheinungen durch Luftundichtigkeiten verursachen neben höheren Heizkosten auch Unwohlsein und die Gefahr von Schimmelbildung. Eine gute wärmegedämmte Hülle und mechanische Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung sichern daher Energieeffizienz und gute Raumluftqualität.Sabine Djahanschah ist seit 1996 Leiterin des Referats „Architektur und Bauwesen“ bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Nach ihrem Studium der Architektur an der RWTH Aachen war sie freie Mitarbeiterin bei verschiedenen Architekturbüros und 1995–1996 als freischaffende Architektin tätig. Sie ist Mitglied verschiedener Kommissionen, Beiräte und Jurys.
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Mathias Heinz / 28.10.2012 / 20:57

Architekt, Zürich

Nein ...

Bei Neubauten haben wir inzwischen das Wissen und den technischen Stand erreicht um sehr energieeffiziente Bauten zu erstellen. Nun gilt es einen Schritt weiter zu gehen und die gesamten Lebenszykluskosten beim Bauen inklusive der damit einhergehenden Mobilität mit zu berücksichtigen.Zukünftig werden einfaches Bauen und intelligente Konzepte an Bedeutung gewinnen, denn die erhöhte Komplexität in Haustechnik und der Bauelemente ist nicht nur teuer, sondern auch energieintensiv in der Erstellung. Zudem wird der Entsorgung und Wiederverwertbarkeit der Materialien noch zu viel zu wenig Beachtung geschenkt.Beim Bestand gilt es bei guter Bausubstanz teure Totalsanierungen zu vermeiden und mit gezielten Eingriffen die Energieeffizienz der Gebäude zu erhöhen.Wenn wir die Sache konsequent zu Ende denken wird somit die Energiewende bezahlbaren und lebenswerten Wohnraum schaffen.Allein die Optimierung der Bausubstanz reicht nicht aus, das Benutzerverhalten muss sich den neuen Anforderungen anpassen, so wie traditionelle Wohnformen oft eine natürliche Wechselwirkung zwischen Haus und Bewohner hervorgebracht haben.Beim klassischen Bauernhaus war früher nur die Stube und die Küche beheizt. Das Haus wurde je nach Jahreszeit differenziert bewohnt. Ein vorzügliches Beispiel um zu illustrieren, dass eine resourcenschonende Benutzung zu einer räumlich differenzierten Architektur führen kann.Mathias Heinz ist Gründungsmitglied und Partner von pool Architekten in Zürich. Er nahm verschiedene Gastdozenturen an der ETH Zürich sowie der Fachhochschule Winterthur an. Pool Architekten haben seit 1998 zahlreiche Wettbewerbe gewonnen und ausgeführt.
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André Kempe / 2.11.2012 / 16:01

Architekt, Atelier Kempe Thill, Niederlande

Ja ...

... sie schließen sich aus, wenn die Anforderungen an den Energiestandard des einzelnen Hauses bzw. der einzelnen Wohnung weiterhin unreflektiert in die Höhe geschraubt werden.

Seit den 1920er Jahren wurde systematisch versucht, den Sozialwohnungsbau von seiner Stigmatisierung als ärmliche Wohnform, als Wohnen für das Existenzminimum zu befreien. Die Mittel für sozialen Wohnungsbau waren schon immer knapp bemessen. Aber mit der Einführung von sich ständig erhöhenden Energiestandards lassen sich preiswerte und ansprechende Wohnungen, die mehr bieten als von Mindesttageslichtanforderungen abgeleitete Schießschartenfenster mit 50 cm tiefen Laibungen, nicht mehr realisieren.

Die in den letzten Jahrzehnten gesteigerten Anforderungen an Wärmedämmung bzw. die Verbesserung der Energiebilanz von Neubauten insgesamt haben zweifellos zu einer qualitativen Verbesserung des Wohnungsbaus geführt, was wir am Beispiel der Niederlande auch aus eigenen Bauerfahrungen gut belegen können. Trotz hoher energetischer Anforderungen und knapper Budgets konnte man hier bisher dank sehr kompakter Typologien eine Architektur machen, die in ihren räumlichen Qualitäten an Raumkonzepte der klassischen Moderne anschließt: eine luftige, offene Wohnarchitektur. Mit der Steigerung der energetischen Anforderungen zum Passivhausstandard scheint aber ein Wendepunkt erreicht. Das Gebäude wird in einem Maß gedämmt, das vergleichbar ist mit einem Menschen, der auch im heißesten Hochsommer in dicken Wintersachen herumläuft – und sich darüber freut, sich so den Rest des Jahres nicht mehr umziehen zu müssen. Das „Passive“ des eingemummelten Hauses wird durch den Aufwand für eine „aktive“ Haustechnik (zum Teil bereits 35% der Baukosten) etwa für die Gebäudekühlung im Sommer konterkariert. Der steigende Energieverbrauch durch die zusätzliche Haustechnik geht in die Energiebilanz offiziell oft nicht ein. Der Energieverbrauch ist bereits bei einem nach ENEV-Standard gedämmten Haus sehr gering. Jede weitere „Verbesserung“ ist ein unverhältnismäßiger Kampf um lächerliche Margen. Schlussendlich liegt die Gesamtenergiebilanz häufig bei lediglich 30% der versprochenen Einsparungen. Dass die verwendeten Dämmstoffe, deren Lebensdauer auf 50 Jahre geschätzt wird, in der Realität bereits nach 35 Jahren ersetzt werden müssen, wird geflissentlich ignoriert – genauso wie die Frage, wer eigentlich die Entsorgungskosten dieses Sondermülls übernehmen wird. Last but not least wird durch die stetige Zunahme der Wanddicken auch die Grundstücksauslastung immer schlechter.

Mit dem Passivhaus ist die „Energiebewegung“ – ganz im Marx’schen Sinne – an einem Wendepunkt angekommen und tritt nun in ihre dekadente Phase ein. Die Architektur als eines der letzten Glieder in der Kette der Gesamtenergiebilanz einer Gesellschaft wird überbewertet und überfrachtet mit Anforderungen, die sie nicht erfüllen kann. Abgesehen von seinem eigenen Verbrauch soll das einzelne Haus nun möglichst auch noch all das sparen, was außerhalb seiner selbst im großen Maßstab verschwendet wird. Eine unheilige Allianz aus einer verdünnten grünen Realpolitik, dreisten Dämmstofflobbys und einfältigen Weltverbessererarchitekten doktert in penetrantem Ökostrebertum am einzelnen Gebäude herum. Gleichzeitig feiern auf der städtebaulichen Ebene weiterhin ineffiziente autoabhängige Einfamilienhaussiedlungen fröhliche Urstände, und als alternative Energiequelle werden Solarpanele gefördert, obwohl sie vollkommen unrentabel sind. Mit einem unerträglich moralisierenden und quasireligiösen Weltrettungsduktus stürzt sich vor allem Deutschland mit seinem bekannten technischen Perfektionismus auf das einzelne Haus und zerstört – um vor allem im Wohnungsbau all die sogenannte „Nachhaltigkeit“ bezahlbar zu machen - das letzte Quäntchen Architektur.

André Kempe (*1968 in Freiberg), studierte 1990-1997 Architektur an der TU Dresden. Nach ersten Erfahrungen in verschiedenen niederländischen Architekturbüros gründete er im Jahr 2000 zusammen mit Oliver Thill das Architekturbüro Atelier Kempe Thill mit Sitz in Rotterdam. Das Büro arbeitet zur Zeit an Aufträgen in verschiedenen Ländern im mitteleuropäischen Raum, wurde 2011 „Architect of the Year NL“ ausgezeichnet und hat eben bei HatjeCantz eine umfassende Monographie veröffentlicht.

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