„Ist Gentrifizierung wirklich sooo schlecht?“

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Möglicherweise hätte das „BMW Guggenheim Lab“ dem Kreuzberger Standort an der Cuvrystraße, Ecke Schlesische Straße Hipness und damit die Aufwertung des Wrangelkiezes attestiert. Ein gelungener Presse-Coup war der Rückzug aus dem Gebiet aufgrund der Proteste und die Entscheidung, es am Pfefferberg anzusiedeln allemal.

 

Gentrifizierung ist der Inbegriff sozialer Ungerechtigkeit im urbanen Kontext. Die Kritik richtet sich gegen steigende Mieten und die folgende Verdrängung von alteingesessenen Bewohnern des betroffenen Stadtviertels. Sie kristallisiert sich nicht nur am „urbanen Wohnen“ im hochpreisigen Loft und Townhouse, auch Baugruppen sind mit der Schaffung von Wohneigentum in den Fokus der Gentrifizierungsgegner geraten. Auf der anderen Seite wird die Gentrifizierungskritik als konservative und entwicklungsfeindliche Bewegung dargestellt, deren Akteure sich mit dieser restriktiven Haltung gegen Veränderung stellen, die andere als eine Charaktereigenschaft von Stadt ansehen. Dabei sind Gentrifizierungsgegner meist selbst durch das von ihnen geschaffene kreative Milieu Ausgangspunkt von solchen Veränderungsprozessen.

Anscheinend verläuft die Grenze der Debatte mittlerweile quer zu den tradierten Klischees und den Bewahrern und Entwicklern: Ein CDU-Politiker ergreift Partei für eine schützenswerte Kneipenlandschaft und das Feindbild der Gentrifizierungsgegner, der Hausbesitzer, ist ein Migrant. Verkehren sich in der Gentrifizierunggsdebatte konservativ und progressiv? Wer ist gut und was ist böse und ist Gentrifizierung wirklich so schlecht?

 

Petra Müller / 2.7.2012 / 11:15

MdB, Mitglied der FDP-Bundestagsfraktion

Jein ...

Natürliche Umstrukturierungen in urbanen Wohngebieten sind zunächst einmal weder gut, noch schlecht. Als Sprecherin für Stadtentwicklung der FDP-Bundestagsfraktion würde ich davor warnen, stadtsoziologische Prozesse wie u. a. die Gentrifizierung zu ideologisieren. Wenn Stadtviertel im Laufe der Zeit attraktiver werden, wachsen und sich zunehmender Nachfrage erfreuen, ist das zunächst Beweis eines vitalen und sich dynamisch entwickelnden Lebensraumes. Solche Vorgänge sind weder neu, noch lassen sie sich in einer freiheitlichen Gesellschaft politisch unterdrücken. Aber sie müssen politisch begleitet werden. Denn neben den positiven Effekten der Gentrifizierung (Belebung, bauliche Aufwertung, Reurbanisierung, Kultivierung etc.) belasten negative Folge vor allem sozial- und einkommensschwächere Anwohner. Politik muss daraus entstehende Ängste vor Verdrängung und steigenden Preisniveaus ernst nehmen und angemessen begleiten. Mit sozialem Wohnungsbau, kommunalen Bebauungsplänen, dem Mietspiegel und Stadtentwicklungsprogrammen lassen sich passgenaue und quartierspezifische Lösungen erarbeiten.Jedoch bleibt es Credo liberaler Politik, dass sich Immobilien- und Grundstückspreise sowie Mieten in einem Markt entwickeln können müssen, der frei ist von staatlicher Überregulierung oder planwirtschaftlichen Vorgaben. Auch wenn es zu kurz gegriffen wäre, Quartierentwicklung als lediglich ökonomisches Problem zu beschreiben, so bilden doch die von vor allem privaten Wohn- und Grundstückseigentümern entwickelte Anziehungskraft, bauliche Wertigkeit und Nachfrage wesentliche Bestandteile eines sozial durchmischten, lebendigen urbanen Lebensraumes. Die Grenzen des politischen Mitakteurs sind hier schnell erreicht und dürfen auch nicht überschätzt werden. Die Attraktivität und das Potenzial unserer freien Bürgergesellschaft liegen hier vor allem in der Selbstorganisation, individuellen Kreativität und Eigeninitiative des Menschen begründet.Petra Müller, MdB, Mitglied der FDP Bundestagsfraktion, Architektin, geb. 1960, 1981 bis 1989 Studium der Architektur an der FH Aachen, 1983 Eintritt in die FDP, 2005 Wahl in den 16. Deutschen Bundestag, Mandatsverlust durch Nachwahl in Dresden, seit 2009 Mitglied des 17. Deutschen Bundestages, Sprecherin für Stadtentwicklung der FDP-Bundestagsfraktion, Obfrau der FDP-Bundestagsfraktion und Vorsitzende der AG Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.
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Bernd Hunger / 2.7.2012 / 11:14

Stadtplaner und Stadtsoziologe, Berlin

Ja ...

Die öffentlich geförderte Aufwertung von Stadt- und Wohnquartieren wäre verfehlt, wenn sie lediglich zur Verbesserung der Lebensverhältnisse Bessergestellter dient und die vormaligen finanzschwächeren Bewohner vertreibt. Städtebau kann und muss einen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt der Stadtgesellschaft als Ganzes leisten.Das u.a. in der Leipzig – Charta formulierte Leitbild der Europäischen Stadt fordert nicht ohne Grund besondere Aufmerksamkeit für benachteiligte Quartiere und sieht den sozialen Ausgleich als ein Grundprinzip nachhaltiger Stadtentwicklung an. Das ist in vielen strikt sozial gespaltenen und räumlich separierten Städten in anderen Teilen der Welt sehr anders, wo Gentrifizierung der Normalweg ist, auf dem sich soziale Ungleichheit räumlich manifestiert.Stadtquartiere sind nur in Ausnahmefällen Verursacher, in der Regel jedoch die Austragungsorte gesellschaftlicher Konflikte. Stadterneuerung kann deshalb soziale Probleme nicht lösen, sehr wohl aber dämpfen. Deshalb ist jedwede Erneuerungs- oder Verschönerungsaufgabe hinsichtlich ihrer sozialen Wirkung zu bedenken. Das Zusammenstreichen des Programms "Soziale Stadt" ist vor diesem Hintergrund völlig unverständlich und in besonderem Maße anzuprangern. Dr.phil. Dr.-Ing. Bernd Hunger, geb. 1953, Stadtplaner und Stadtsoziologe in Berlin, 1971-1975 Studium und 1978-1986 Assistent am Lehrstuhl für Stadtsoziologie an der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar (HAB), 1987-1990 Abteilungsleiter am Institut für Städtebau und Architektur der Bauakademie der DDR, 1991-2007 Leiter und Inhaber der StadtBüro Hunger, Stadtforschung und –planung, seit 1999 Referent für Wohnungs- und Städtebau, Forschung und Entwicklung beim GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V.
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Sascha Zander / 2.7.2012 / 11:13

Zanderroth Architekten, Berlin

Jein ...

Ich bin vor 15 Jahren an den Prenzlauer Berg in Berlin gezogen und so, wie der Stadtteil damals aussah, hatte er mit Sicherheit eine Aufwertung nötig. Die Sanierung war also gut, sie hat geholfen Bausubstanz zu erhalten und Wohnqualität erhöht. Gentrifizierung führt jedoch zu Segregation, das heißt zur Verdrängung einer gesamten Bevölkerungsschicht. Das ist schlecht, da Durchmischung für Großstädte essentiell ist. Ich halte es deshalb für problematisch, wenn die Stadt nicht mehr mitsteuert.In Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg wurden innerhalb der letzten 15 Jahre etwa 75 Prozent der Bevölkerung ausgetauscht. Doch kaum jemand wird damit gerechnet haben, dass dieser Prozess so schnell voranschreiten wird. Diese Stadtteile sind weitläufig als Sanierungsgebiete ausgewiesen worden –mit dem Ziel, durch Steuerbegünstigungen die Sanierung zu fördern. Besonders doppelbödig war, dass dieses Konzept unter dem Titel „Soziale Stadterneuerung“ verbreitet wurde, adressiert an eine Bevölkerungsschicht, die Steuern in erheblichem Umfang abschreiben kann.Es gibt aber auch so genannte Erhaltungsgebiete nach Baugesetzbuch: Das sind kleine Inseln, die die dort wohnende Bevölkerung unter Schutz stellt (für neue Gebäude spielt es keine Rolle, nur für den Bestand). In einem solchen Fall dürfen Architekten dann bei der Altbausanierung keine Aufzüge oder Balkone einbauen, denn eine solche Erhöhung des Standards würde zwangsläufig zu steigenden Betriebskosten bzw. Mieten und somit zur Verdrängung der Bewohner führen.Es macht allerdings wenig Sinn, die Bevölkerungsgruppe, die die Verdrängung produziert hat, anzugreifen. Die Mittelschicht, die relativ viel arbeitet, gut verdient und dorthin zieht, wo sie wohnen möchte – das ist keinen Vorwurf wert.Architekten haben nicht die Funktion, soziale Missstände zu korrigieren. Wenn sie das tun möchten, bewegen sie sich außerhalb ihres Fachbereichs – das ist lobenswert, hat aber nichts mit Architektur zu tun. Die Frage, wie man soziale Prozesse steuern kann, adressiert die Politik oder die Soziologie. Deshalb wäre es richtiger zu fragen: Was können die Kommunen und Länder beitragen, um eine sozial durchmischte Stadt zu gewährleisten? Die Stadt Berlin kann dies derzeit finanziell kaum leisten. Klug wäre es, wenn Berlin mittelfristig Grundstücke mit dem Ziel erwirbt, die soziale Durchmischung der Stadt zu verstärken oder vorhandene eigene Grundstücke hierfür strategisch einsetzt. Sascha Zander, geb. 1968, ist Architekt. Er hat an der RWTH Aachen, der Bartlett School of Architecture in London und der Kunstakademie Düsseldorf studiert. 1999 gründete er mit Christian Roth das Architekturbüro Zanderroth in Berlin. Das Büro hat in Berlin mehrere Baugruppenprojekte realisiert. Ihr letztes Projekt Big Yard in der Zelter Strasse wurde vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung mit dem Deutschen Architekturpreis 2011 ausgezeichnet.
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Andreas Thiesen / 2.7.2012 / 11:12

Sozialwissenschaftler, Hannover

Jein ...

In der Wissenschaft verbietet es sich grundsätzlich, geschlossene Fragen zu stellen, die sich vorgeblich nach dem Facebook-Prinzip („Gefällt mir“/„Gefällt mir nicht“) beantworten lassen. Die in der Frage, ob Gentrifizierung „schlecht“ sei, transportierte Moral, repräsentiert allerdings gewissermaßen den hegemonialen Gentrifizierungsdiskurs, der lediglich aus Befürwortern (Investoren, Kommunalpolitik und -verwaltung) und Gegnern (Kreative und/oder autonome Linke) zu bestehen scheint. Doch liegen jenseits dieser Konstellation noch unbegangene Argumentationspfade.Interpretiere ich die zahlreichen Stadtteilinitiativen hierzulande, die sich, wie jüngst in Kreuzberg anlässlich des BWW Guggenheim Labs gar militant, die „De-Gentrifizierung“ auf die zumeist schwarz-roten Fahnen geschrieben haben, als Symptome einer krisenhaften Entwicklung von „Stadt“, dann muss in der Tat etwas fragwürdig sein an der Gentrifizierung. Allein, was in der Gentrifizierungsdebatte fehlt, ist ein sachlicher, empirisch fundierter Theoriebezug. Eine vereinzelte Espresso-Erlebnisbar im Szenekiez löst noch keine Verdrängung autochthoner Bewohner aus. Nicht überall, wo Gentrifizierung draufsteht, ist Gentrifizierung drin. Im Gegenteil: Um eine wirkliche Verdrängung einkommensschwacher Haushalte aus einem Quartier nicht nur belegen, sondern – bedeutender noch – auf Gentrifizierung zurückführen zu können, bedarf es gesicherter, vor allem qualitativer Daten! Stadtentwicklung ist ein gesamtstädtischer Prozess, und die Ursachen innerstädtischer Wanderungsbewegungen müssen nicht zwingend in der schleichenden „Neoliberalisierung“ eines hippen Quartiers liegen.Doch nicht nur autonome Traditionalisten, auch viele Künstler und Intellektuelle scheinen nicht zu reflektieren, dass die Problematisierung heute zunehmend verräumlichter sozialer Konflikte vielerorts mit einer semantischen Überhöhung der Kategorie „Raum“ einhergeht. Eine fiktive Initiative „Recht auf Dorf“ würde aus dem gleichen Selbstverständnis heraus argumentieren wie das Hamburger Aktionsbündnis „Recht auf Stadt“, nur dass Forderungen nach „nichtkommerziellen Freiräumen“, „Vergesellschaftung von Immobilien“ oder „Erhaltung von öffentlichen Grünflächen“ nun politisch einen faden Beigeschmack bekämen. Die Formulierung von räumlichen Grundrechten hält den Reproduktionsbedingungen einer globalisierten und differenzierten Gesellschaft nicht stand, sie ist provinziell und konservativ. Im transkulturellen Zeitalter der „shifting identities“ (Stuart Hall) ist auch „Raum“ nicht länger statisch. Vielmehr gilt stadtsoziologisch bis auf Weiteres: Space becomes fluid.Die Gestaltung von Stadträumen muss dabei keineswegs Immobilienmanagern überlassen werden. Urbane Interventionen etwa könnten die von den Gentrifizierungsgegnern angeprangerten Luxussanierungen ganzer Quartiere mit den Mitteln ihrer öffentlichen Entzauberung problematisieren: Hier ein Designimitat auf einem öffentlichen Platz, dort der Ausbau öffentlicher Entschleunigungszonen als Kritik der Funktionsnutzung nahe gelegener Großraumlofts. Oder wie wäre es, frei nach Florentijn Hofmans „Beukelsblauw“, mit einem flächendeckenden grellen Anstrich sanierungsbedürftiger Altbauten, die als physische Marker stadtplanerische Bewegungen im Quartier offenlegen? An die Stelle provinzieller Gentrifizierungskritik tritt die semiotische Dekonstruktion funktionalistischer Städteplanung, wie sie bereits die Situationisten praktizierten. Eine solche performative Aneignung des öffentlichen Raums zielt auf die Demokratisierung öffentlicher Räume und die Schaffung einer kritischen Öffentlichkeit. Stadtentwicklungsprozesse werden auf diese Weise nicht blockiert, sondern verhandelt. Dr. Andreas Thiesen, geb. 1979, ist Verwaltungsprofessor für Planung und Entwicklung Sozialer Arbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Holzminden. Lehr- und Forschungsschwerpunkt sind Planung, Organisation und Management Sozialer Arbeit, Stadtsoziologie, Milieusoziologie, Diversity Studies, Qualitative Sozialforschung. Seine aktuellen Veröffentlichungen handeln von Diversity Management in der Quartiersentwicklung, Dynamik partizipativer Forschung und Gentrifizierung. Zuletzt erschienen: "Neue Spießer. Warum die übliche Kritik an der Gentrifizierung provinziell ist und zu nichts führt". In: DIE ZEIT Nr. 5 v. 26. Januar 2012, S. 54.
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Alexander Gutzmer / 2.7.2012 / 11:11

Journalist, München

Jein ...

Wenn ich sage, dass Gentrifizierung nicht „schlecht“ ist, dann heißt das nicht, dass ich die damit beschriebenen Prozesse „gut“ finde. Ich halte gut und schlecht für die falschen Kategorien, um menschliche Entscheidungen zu Wohnsitz und der eigenen Lebensweise zu beurteilen. Und nichts anderes ist die „Gentrifizierung“. Ein Stadtteil wird, warum auch immer, für bestimmte Schichten attraktiv. Sie ziehen da hin, leben und konsumieren in einer ihnen genehmen Weise, gute (oder auch nicht so gute) Architekten bauen. In der Folge verteuern sich die Mieten. Das ist erst einmal ein neutraler ökonomischer Prozess.Und das Resultat? Wie sind die entstehenden Stadtteile zu beurteilen? Natürlich haben Viertel wie der Prenzlauer Berg, Hoxton in London oder das Münchner Schlachthofviertel sich verändert. Natürlich sind bestimmte Verhaltensweisen, etwa der Konsum von Billigbier aus der Pulle, gegenüber dem rituellen Schlürfen biologischer Hochleistungsgetränke à la Malzkaffee zurückgetreten. Und natürlich stellt das Leben im Prenzelberger Kuschelkiez nicht gerade den Inbegriff spannunggeladener Urbanität dar.Aber: Ich tue mich schwer damit, dieses Leben mit großer gesamtgesellschaftlicher Kritik zu überziehen. Die Lebensweise in gentrifizierten Kiezen ist, ob man das mag oder nicht, das Abbild realer Bedürfnisse von Menschen. Offenbar mögen es junge PR-Manager in Berlin gern kuschelig. Letztlich frage ich mich, welches Idealbild die Gentrifizierungsverdammer eigentlich im Kopf haben, wenn sie das – natürlich monotone – Leben im Prenzlauer Berg so deprimierend finden. Kann es eventuell sein, dass hier ein prä-gentrifiziertes Traumbild herbeiphantasiert wird, dass es in der Realität – und vor allem: in der Breite des ganzen Landes – gar nicht gibt?Wie man (etwa kürzlich in der FAS) liest, ziehen jetzt ja die ersten Stadtversteher, gramgeplagt und auf der Suche nach ursprünglicherer Urbanität, in den Wedding. Dahinter verbirgt sich das Claudia-Roth-Phänomen, die permanente Suche nach dem idyllischen Lagerfeuer „der Einheimischen“. Roths Tragik ist, dass sie jedes Lagerfeuer durch ihre Präsenz „ent-idyllisiert“. Genauso bildet die Flucht der FAS-Autorin den ersten Schritt zur Gentrifizierung des Wedding. Die Journalistin hat diesen Zusammenhang auch selbst verstanden, entsprechend trieft ihr Text vor schlechtem Gewissen.Unisono preisen alle Diskurse zum Thema Stadt ja das Bild des Aufeinandertreffens unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus. Und in der Tat wird Kultur da spannend, wo im Wortsinne Spannungen herrschen. Deshalb hätte ich ja das BMW-Guggenheim-Lab ja gerade nach den Anfangsquerelen gern in Kreuzberg gesehen. Die Frage ist aber, ob diese Idee von Spannung unbedingt bedeuten muss, dass in jedem Stadtteil eine komplette (und top-down verordnete) gesellschaftliche Durchmischung herrscht. Das wäre nämlich auch eine Form der Monotonie. Letztlich ist „Stadt“ doch da interessant, wo sie lesbar wird. Diese Lesbarkeit braucht soziale Heterogenität – durchaus auch von Stadtteil zu Stadtteil. Dr. Alexander Gutzmer ist Chefredakteur des Architekturmagazins Baumeister und Editorial Director des Münchner Verlages Georg D.W. Callwey. Am Center for Cultural Studies des Goldsmiths College (University of London) schrieb er seine Dissertation über Peter Sloterdijk, Gilles Deleuze und die Virtualisierung städtischer Räume. Demnächst erscheint bei Routledge ein Buch von ihm (Arbeitstitel „Brand-Driven City Building and the Virtualizing of Space“). Vor seinem Einstieg bei Callwey arbeitete Gutzmer als Reporter für die „Welt am Sonntag“ und als Editorial Director bei der Burda Creative Group.
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Alexander Gutzmer / 2.7.2012 / 11:11

Journalist, München

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Wenn ich sage, dass Gentrifizierung nicht „schlecht“ ist, dann heißt das nicht, dass ich die damit beschriebenen Prozesse „gut“ finde. Ich halte gut und schlecht für die falschen Kategorien, um menschliche Entscheidungen zu Wohnsitz und der eigenen Lebensweise zu beurteilen. Und nichts anderes ist die „Gentrifizierung“. Ein Stadtteil wird, warum auch immer, für bestimmte Schichten attraktiv. Sie ziehen da hin, leben und konsumieren in einer ihnen genehmen Weise, gute (oder auch nicht so gute) Architekten bauen. In der Folge verteuern sich die Mieten. Das ist erst einmal ein neutraler ökonomischer Prozess.

Und das Resultat? Wie sind die entstehenden Stadtteile zu beurteilen? Natürlich haben Viertel wie der Prenzlauer Berg, Hoxton in London oder das Münchner Schlachthofviertel sich verändert. Natürlich sind bestimmte Verhaltensweisen, etwa der Konsum von Billigbier aus der Pulle, gegenüber dem rituellen Schlürfen biologischer Hochleistungsgetränke à la Malzkaffee zurückgetreten. Und natürlich stellt das Leben im Prenzelberger Kuschelkiez nicht gerade den Inbegriff spannunggeladener Urbanität dar.

Aber: Ich tue mich schwer damit, dieses Leben mit großer gesamtgesellschaftlicher Kritik zu überziehen. Die Lebensweise in gentrifizierten Kiezen ist, ob man das mag oder nicht, das Abbild realer Bedürfnisse von Menschen. Offenbar mögen es junge PR-Manager in Berlin gern kuschelig. Letztlich frage ich mich, welches Idealbild die Gentrifizierungsverdammer eigentlich im Kopf haben, wenn sie das – natürlich monotone – Leben im Prenzlauer Berg so deprimierend finden. Kann es eventuell sein, dass hier ein prä-gentrifiziertes Traumbild herbeiphantasiert wird, dass es in der Realität – und vor allem: in der Breite des ganzen Landes – gar nicht gibt?

Wie man (etwa kürzlich in der FAS) liest, ziehen jetzt ja die ersten Stadtversteher, gramgeplagt und auf der Suche nach ursprünglicherer Urbanität, in den Wedding. Dahinter verbirgt sich das Claudia-Roth-Phänomen, die permanente Suche nach dem idyllischen Lagerfeuer „der Einheimischen“. Roths Tragik ist, dass sie jedes Lagerfeuer durch ihre Präsenz „ent-idyllisiert“. Genauso bildet die Flucht der FAS-Autorin den ersten Schritt zur Gentrifizierung des Wedding. Die Journalistin hat diesen Zusammenhang auch selbst verstanden, entsprechend trieft ihr Text vor schlechtem Gewissen.

Unisono preisen alle Diskurse zum Thema Stadt ja das Bild des Aufeinandertreffens unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus. Und in der Tat wird Kultur da spannend, wo im Wortsinne Spannungen herrschen. Deshalb hätte ich ja das BMW-Guggenheim-Lab ja gerade nach den Anfangsquerelen gern in Kreuzberg gesehen. Die Frage ist aber, ob diese Idee von Spannung unbedingt bedeuten muss, dass in jedem Stadtteil eine komplette (und top-down verordnete) gesellschaftliche Durchmischung herrscht. Das wäre nämlich auch eine Form der Monotonie. Letztlich ist „Stadt“ doch da interessant, wo sie lesbar wird. Diese Lesbarkeit braucht soziale Heterogenität – durchaus auch von Stadtteil zu Stadtteil.

Dr. Alexander Gutzmer ist Chefredakteur des Architekturmagazins Baumeister und Editorial Director des Münchner Verlages Georg D.W. Callwey. Am Center for Cultural Studies des Goldsmiths College (University of London) schrieb er seine Dissertation über Peter Sloterdijk, Gilles Deleuze und die Virtualisierung städtischer Räume. Demnächst erscheint bei Routledge ein Buch von ihm (Arbeitstitel „Brand-Driven City Building and the Virtualizing of Space“). Vor seinem Einstieg bei Callwey arbeitete Gutzmer als Reporter für die „Welt am Sonntag“ und als Editorial Director bei der Burda Creative Group.

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Ilka Ruby / 8.4.2013 / 14:24

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anderer Beitrag von Ilka - muß der herr Wo aber aucuh bekommen ... 

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