"Ist es harmlos, historisierend zu bauen?"

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J. Michael Birn, "A Question of Lust - Der Berliner Lustgarten", 2007

 

Rekonstruktion und historisierendes Bauen sind diskursive Dauerbrenner, die nicht nur auf dem BKULT Weihnachtswunschzettel auftauchten. Auch in Berlin kochen diese Themen aktuell wieder hoch. Neben der nicht enden wollenden Diskussion um den Wiederaufbau des Berliner Schloss, dessen Grundstein im Juni gelegt werden soll, ist eine neue Debatte um Berlins gesamte „historische“ Mitte entbrannt. Für die meisten Architekten ist diese Debatte ein rotes Tuch. Lernen Architekturstudenten doch bereits im ersten Semester, sollten sie auf den Gedanken kommen, romanische Rundbogenfenster zu zeichnen oder eine italienische Plaza zu imitieren, dass man das Alte nicht kopieren darf und jede Gesellschaft die ihrer Gegenwart entsprechende Ausdrucksform finden muss.
Manche bezweifeln, ob dieses Mantra der Moderne noch gültig ist. Sie halten dagegen, dass sich die tabula rasa beim Wiederaufbau der deutschen Städte doch allzu oft als Irrweg erwiesen habe. Sind wir heute, nach dem vielbeschworenen Ende der Ideologien, nicht reif genug, unterschiedliche Identitätskonstruktionen auszuhalten? Sind ein paar wiederaufgebaute Schlösser und rekonstruierte Altstädte nicht also eher harmlos und im Interesse gesellschaftlicher Einheit sogar gut?

Auffällig ist der Graben zwischen den Architekten und der (gefühlten) Mehrheit der Bürger, also derjenigen, für die gebaut wird. Während die meisten Architekten sich bemühen, zeitgenössisch zu bauen, sind Neubauten im historisierenden Stil krachende Kassenschlager. Anstatt Leerstand gibt es Wartelisten. So sprach sich in Frankfurt ein Großteil der Bürgerschaft für eine Rekonstruktion des Hühnermarkts mit detailgetreuen Fassaden aus. Man ist sich einig: Das baukulturelle Erbe soll geschützt, erhalten und notfalls eben wieder aufgebaut werden, um die Identität unserer Städte zu bewahren – oder überhaupt erst wieder herzustellen. Moderner Architektur traut man dieses identitätsstiftende Potenzial kaum mehr zu. Entsprechend wird bereits seit einigen Jahren mehr und mehr „Altes“ wieder rekonstruiert oder gar neu aufgelegt.

Doch reichen Bürgerwille und Vermarktbarkeit  als Legitimation für historisierendes Bauen aus?  Und was genau ist aber der „Bürgerwille“? Anita Blasberg beschreibt in ihrem ZEIT-Artikel „Die schon wieder“ die Überalterung der deutschen Gesellschaft und wie die mächtige „Babyboomer-Generation“ (in Deutschland sind das die zwischen 1955 und 1969 Geborenen) durch ihre schiere Masse gesellschaftliche Positionen und Wertbilder auf Jahrzehnte besetzt. Was macht das mit einer Gesellschaft, fragt Blasberg, wenn die Generation der unter 45Jährigen bei der Produktion von Gesellschaft dauerhaft aufs Abstellgleis gesetzt wird? Und was macht das mit unseren Städten und Häusern? Ist die Sehnsucht nach dem Alten am Ende eine Sehnsucht der Alten? Zumindest gehören diejenigen, die überwiegend bestimmen, was, wo und wie gebaut wird, dieser „Babyboomer-Generationen“ an. Die meist älteren Befürworter einer historisierenden Architektur formieren sich mit Macht und machen ihr Geld und ihren Einfluss geltend, um ihre Überzeugungen in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Von den Jüngeren hört man  dagegen immer weniger. Tolerieren sie also den historisierenden Trend im Sinne eines postmodern-permissiven „Anything goes“ oder sind sie demographisch bereits derartig in der Diaspora, dass ihre Vorschläge zur Gestaltung unserer Gesellschaft schlicht nicht mehr an die Oberfläche des Diskurses dringen?

Genau diese „Jüngeren“ werden sich aber mit den Konsequenzen jener gesellschaftlichen Entscheidungen auseinander setzen müssen, die andere heute für sie treffen. Sie werden zukünftig möglicherweise in Städten leben, in denen die Spuren der (Nachkriegs-)Moderne getilgt und durch rekonstruierte Strukturen einer urbanen Vorgeschichte ersetzt wurden, ohne Raum zu lassen für zeitgenössische Ideen und Bedürfnisse. Sie werden möglicherweise in Häusern wohnen, die vollkommen auf die Kleinfamilie ausgerichtet sind, obwohl dieses Modell schon heute nicht mehr die gesellschaftliche Realität widerspiegelt. Geht mit der demografischen Überalterung also auch eine kulturelle Überalterung unserer Gesellschaft einher? Ist es also wirklich harmlos, historisierend zu bauen?

 

Wilhelm von Boddien / 21.5.2013 / 10:57

Kaufmann und Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss e. V., Berlin

Ja ...

Diese Debatte ist von der Themenstellung her nicht zielführend, denn es geht wohl kaum darum, ob hier „Alte“ den „Jungen“ Chancen auf Selbstverwirklichung nehmen – dazu sind die heutigen jungen Menschen viel zu selbstbewusst – und wissen sehr gut, wie sie ihr Leben gestalten. Sie lassen sich weder von uns noch von den Architekten der Moderne indoktrinieren. Vielmehr sollten die orthodoxen Architekten der Moderne darüber nachdenken, ob sie nicht endlich auch einmal für den Menschen und seine Bedürfnisse bauen und ihren Nachwuchs ausbilden wollen – oder weiterhin nur zu Ihrer Selbstverwirklichung mit nicht immer bürgerfreundlichen Baudiktaten. Der Mensch mutiert in seinen Empfindungen,  besonders denen, die sich dem Schönen zuwenden,  nicht so schnell wie diejenigen es gern hätten, für die sich alles, was nicht Gerade, Kreis oder rechter Winkel ist, als lästiger Zierrat darstellt, den es niederzukämpfen gilt. Sie haben sich damit in ein selbst gewähltes Exil begeben. Die meisten jungen Leute werden über ihre  Fragestellung lachen – oder sich verständnislos abwenden. Nach einer repräsentativen Infratest-Dimap Meinungsumfrage waren vor zwei Jahren rund 80 % der jungen Berliner zwischen 18 und 24 Jahren für den Wiederaufbau des Schlosses. Wilhelm von Boddien, geboren 1942 in Stargard in Pommern, ist Kaufmann und Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss e.V., den er 1992 gründete. Seit der Wiedervereinigung setzt er sich für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses ein und trug maßgeblich zu der Entscheidung für die Rekonstruktion bei.  
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Florian Berner / 19.5.2013 / 20:25

Architekt Zürich

Ja ...

Ich frage mich was mit historisierend im Kontext der Debatte gemeint ist - der formale Ausdruck, eine Anlehnung an eine historische Formensprache, oder die Rekonstruktion historischer Gebäude. Ich möchte hier Adolf Loos zitieren der schon 1913 darauf hinwies, dass traditionelle Strukturen nur dann verbessert werden sollen, wenn Sie eine Verbesserung bedeuten. Gerade im innerstädtischen Raum sehe ich in der Anlehnungen an die bestehende Architektursprache grosse Qualitäten um der Stadt als Ganzes gerecht zu werden.Vielleicht sollten sich insgesamt weniger Architekten auf die Suche nach einem neuen Ausdruck machen, damit diese Gebäude dann, gerahmt von der homogenen Umgebung, bewusster wahrgenommen werden?
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Britta Jürgens / 19.5.2013 / 8:35

Architektin, Berlin

Nein ...

 Architektur muss als Kunst natürlich immer zeitgemäß sein. In Berlin sind wir aktuell mit einem aggressiven Aufleben der auf seltsamste Weise historisierenden Lochfassadenfraktion konfrontiert. Es ist wichtig zu unterscheiden zwischen ‘Bürgerwille’ und Architekten, die diesen uninformierten Bürgerwillen ausnutzen und sich aus unlauteren Motiven zu deren Sprecher machen. Grundsätzlich gilt: Nein, historisierend zu bauen ist nicht harmlos sondern armselig im ursprünglichen Sinne des Wortes: arm an Seele. Es degradiert die Architektur von der Kunst zum gefälligen Dekorieren mit Altbekanntem. Es ist komplett kraftlos. Es ist ein Eingeständnis der Angst vor der Zukunft, der Einfallslosigkeit, der Faulheit und Unfähigkeit adäquate Lösungen für aktuelle Probleme zu finden. Es ist Ausdruck passiver Opferhaltung. Es ist die Verweigerung mutiger und aktiver Adaption an sich ständig verändernde Bedingungen. So könnte man wohlwollend und entschuldigend argumentieren und dies gilt für diejenigen, die sich des Unterschieds zwischen Architektur und historisierenden Gebäuden nicht bewusst sind. Die informierten Architektenkollegen, die sich der Verbreitung des historisierenden Heilsversprechens andienen, sind aber alles andere als Opfer. Sie sind geschickte Spieler im Gerangel um das große und schnelle Geld. Was jeder schon kennt muss nicht erläutert werden. Anhänger für die Mission müssen nicht überzeugt werden. Sie sind schon da und man muss ihnen nur liefern, was sie bestellen. Kostenposten für Entwicklungsarbeit entfallen. Nichts muss erfunden, nichts muss entworfen werden. Es bedarf keinerlei Trial & Error Prozesse, die Qual zeitgemäße Lösungen für aktuelle Probleme und dann auch noch den Ausdruck der Zeit zu finden, erspart man sich ökonomischerweise von vornherein. Einige Praktikanten schöpfen mit einigen Klicks aus dem reichen Fundus der Geschichte - ein ganz klein wenig Anpassungsarbeit an die aktuellen Bedingungen - fertig! Das eigentliche Problem ist nicht der uninformierte Bürgerwille sondern die charismatischen Architekten, die ihren Berufsstand verraten und sich aus schierer Geldgier zu deren Sprechern machen. Flugs verfassen sie einige intelligent wirkende Theorien, die das Ganze erstaunlicherweise auch dem gebildeteren Publikum, ja sogar den Experten überzeugend zu verkaufen vermögen. Zum Glück gibt es Kollegen die sich zunehmend den unseligen Wettbewerbsstrukturen entziehen. Sie überlassen das Feld weder Vertretern von Bürgern, die verklärt träumen noch Investmentfonds, die reine Profitinteressen verfolgen. Sie machen sich von den veralteten Berufsstrukturen unabhängig und fangen an, kooperative Strukturen aufzubauen, um gemeinsam ganzheitliche Lösungen für die tatsächlichen städtebaulichen Probleme unserer Zeit zu finden. Britta Jürgens, geb. 1962, hat mit Matthew Griffin 1992 das Architekturbüro Deadline gegründet. Sie interessieren sich für strukturelle Veränderungen - technologische, soziale und ökonomische - am Ende des industriellen Zeitalters und deren Auswirkungen auf Architektur und Stadtplanung. Sie schreiben den Blog http://www.locallygrowncity.net und sind Mitbegründer zahlreicher Initiativen unter anderen http://www.diy-iba.net und www.teameleven.org.
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Christoph Kohl / 18.5.2013 / 18:37

Architekt, Berlin

Ja ...

Was ist gegen das Kopieren zu sagen? Wie könnte es jemals einer Gesellschaft gelingen, eine ihrer Gegenwart entsprechende Ausdrucksform zu finden, ohne aus der Vergangenheit zu schöpfen? Eine autarke Ausdrucksform ohne Vergangenheitsbezug und folglich ohne Botschaft für die Nachkommenden? Denn diese dürften sich konsequenterweise auf jene auch nicht berufen. Wie hätten Architekturen und deren Abbilder sich in der Vergangenheit je „evolutionieren“ können, wenn sie nicht unablässig durch die einfältigen Alten - in Ermangelung visionärer Schaffenskraft, binnen einer Generationsspanne zum Kopieren verurteilt - in ihrer Qualität und Ausdrucksform vorangetrieben wurden? Wie hätte Baukultur denn überhaupt erst entstehen können, wenn man sich schämte, das Althergebrachte zu kopieren? Ist denn die Definition des „Alten“ wohlmöglich schon derart durch die um sich greifende Demenz geprägt, dass Alter mit Krankheit gleichgesetzt wird? Nun repräsentiere ich genau den als schuldig befundenen Babyboomer, gehöre also schon zu den Kranken mit einem kranken Weltbild und beraube die Jungen ihrer Entfaltungsfreiheit. Dabei dachte ich – zumindest meinen Kindern – ein Vorbild sein zu können, zum Nachahmen einladend. Das, was ich persönlich und professionell beitragen kann, speist sich jedenfalls aus der Überzeugung, dass sich bewährte Vor-Bilder besser zur Umsetzung eignen als unausgereifte Visionen. Dabei versuche ich undogmatisch zu bleiben. Bei meinem Wettbewerbsbeitrag zur Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt (leider nur eine Anerkennung) habe ich die Qualitäten des Fachwerkbaues - inklusive Lehmausfachung und Kastenfenstern - für das Null-Energie-Haus thematisiert. Ich habe inhaltlich wie äußerlich die zeitlose Modernität dieser allerdeutschesten Konstruktion herausgearbeitet. Heute verstaubt aber genau dieses Wissen in antiquierten Bildbänden obwohl es uns gerade in aktuellen Fragen weiterbringen könnte. Es taugt der Lehre weder als Hard-, geschweige denn als Software. Dies macht es dem Lehrenden ungemein leicht, sich dem Vergleich mit bewertbar Vergangenem zu entziehen. Frisch und frei visioniert er in die Gegenwart hinein. Als Vorgabe für eine nicht zurückblickende Zukunft brauchen sich seine Ideen ja auch nicht zu bewähren. Die meisten Architekten bemühen sich sogar, zeitgenössisch zu bauen! Und sie machen das natürlich ohne zu kopieren. Ja sogar ohne sich umzusehen - schon gar nicht nach hinten. Sondern immer voraus, auf den Flatscreen, was für die inflationäre Vermehrung weltweit immer gleicher Motive sorgt. Diese Bilderflut fürwahr ist nicht harmlos. Christoph Kohl, geboren 1961 in Bozen, Südtriol, studierte Architektur an der TU Innsbruck, TU Wien und diplomierte am IUAV Venedig. Ab 1989 arbeitet er bei Rob Krier in Wien und ab 1993 in einem gemeinsam Büro in Berlin. Seit 2010 ist er freischaffend als Christoph Kohl | KK architects urbanism·architecture·landscape mit Sitz in Berlin tätig. Wettbewerbsbeitrag zur Frankfurter Altstadt 
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Arno Lederer / 16.5.2013 / 10:13

Architekt, Stuttgart

Nein ...

Die Baukultur ist ein Abbild der Lebensvorstellung einer Generation. In der Architektur drücken ihre Erbauer aus, wie die Welt beschaffen sein soll. Deshalb ist es ein natürlicher Vorgang, dass die nächste Generation sich von der vorausgegangenen zu distanzieren sucht. Kurzum, im Wechsel der Moden und gestalterischen Vorlieben erkennen wir auch den „normalen“ und durchaus gesunden Generationenkonflikt. Bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts galt der Jugendstil als eine ästhetische Entgleisung und man fand die schwülstigen Formen geradezu als hässlich. Die Postmoderne distanzierte sich von den Bauten der heroischen Epoche der Moderne – und die heutige Generation der jungen Architekten und Studenten findet die Bauten der Postmoderne unerträglich. Parallel beobachten wir heute die Rehabilitierung der Nachkriegsmoderne, wir erkennen nicht nur ihren ästhetischen Wert, sondern auch die Suche nach einfachen Modellen, die, trotz ihrer formalen Zurückhaltung, mit einer gewissen Noblesse ausgestattet war. Betrachtet man diese Entwicklung, ist es nicht harmlos historisierend zu Bauen, da es die natürliche Kontinuität stört. Sich am historischen Kontext orientieren und ihn in den Entwurf mit einzubeziehen ist sinnvoll und notwendig. Einfach ein historisches Gebäude wieder aufzubauen dagegen ist Kitsch. Arno Lederer, 1947 geboren in Stuttgat, studierte Architektur an der Universität Stuttgart und der Technischen Universität Berlin. Er arbeitete im Büro Ernst Gisel und Berger Hauser Oed und gründete 1979 schließlich sein Büro Lederer. 2002-2006 war er im Wissenschaftlichen Beirat im Bundesamt für Bauwesen und Raumordung. Seit 2005 ist er Professor für Öffentliche Bauten und Entwerfen an der Universität Stuttgart. Er ist außerdem im Gestaltungsbeirat für das Dom-Römer-Areal in Frankfurt am Main tätig. Kaiserkarree, Karlsruhe
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Stefan Tebroke / 15.5.2013 / 11:17

Architekt, Berlin

Nein ...

Viele Architekten unterschätzen in ihrer Selbstbezogenheit, dass es in weiten Teilen der Bevölkerung aufgrund eigener Erfahrungen tief sitzende Vorbehalte gegenüber einer oft seelenlosen Moderne gibt. Verstärkt wird dies in Deutschland noch durch die Zerstörungen des Krieges. So erklärt sich auch der Wiederaufbau von Schlössern vielerorts. Diese Bauten sollen wie Prothesen verloren gegangene Stücke des Stadtkörpers wieder herstellen. Den zeitgenössischen Architekten wird schlichtweg nicht zugetraut, ähnlich differenzierte Baukörper mit stadträumlicher Wirkung an diesen zentralen Orten errichten zu können. So entscheidet man sich im Zweifel lieber für eine Wiederherstellung von etwas nicht mehr vorhandenen als Replik anstatt einen neuen Weg mit dem Risiko des Misslingens zu beschreiten. Zum Glück sehe ich jedoch eine ganze Generation von jetzt tätigen Architekten, die sich bemühen bauplastische Gebäude mit eigener Seele zu entwerfen. Es gibt einen dritten Weg zwischen Moderne und Wiederherstellung! Stefan Tebroke, geboren 1968 in Bocholt, studierte Architektur an der RWTH Aachen und schloss sein Studium mit Auszeichnung ab. Anschließend arbeitete er u. a. für Prof. Gottfried Böhm, Antonio Citterio und Grüntuch Ernst. Seit 1996 ist er im Büro Busmann+Haberer in Berlin tätig und wurde 2010 geschäftsführender Gesellschafter bei BHBVT. Projektbeispiele BHBVT:  
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Stefan Krauel / 14.5.2013 / 23:25

Lichtplaner, Dipl.-Ing. Architektur, Berlin

Jein ...

Die Fragestellung halte ich für sehr unglücklich, weil sie offensichtlich nicht zu einem eindeutigen Ergebnis führen kann.Ja, denn offensichtlich wissen die historisierend Bauenden nicht wirklich, was sie anrichten.Nein, denn die historisierend Bauenden folgen einer unerträglichen Doktrin Verlorenes wiederaufbauen zu müssen in einem schier unerträglichen historischen Kontext, der die Kluft zwischen jung und alt, früher und später, neu und alt, modern und unmodern, Verständnis und Unverständnis, — sogar Krieg und Frieden — ins Unermessliche aufweitet.Was ist harmlos?Quelle: duden.deWorttrennung:harm|los Bedeutungenkeine [unsichtbaren, versteckten] Gefahren in sich bergend; ungefährlichohne verborgene Falschheit; ohne böse Hintergedanken; argloskeinen größeren Anspruch aufweisendSynonyme zu harmlosgefahrlos, nicht mit Gefahr verbunden, nicht schädlich/schlimm, ungefährlich, unschädlicharglos, blauäugig, einfältig, naiv, nichts [Böses] ahnend, ohne böse Hintergedanken, treuherzig, unbedarft, unschuldig; (gehoben) ohne Argwohnanspruchslos, einfach, leicht, nicht schwierig, ohne größeren Anspruch, unkompliziert; (oft abwertend) simpelStefan Krauel, Dipl.-Ing. Architektur, Lichtplaner, Diplom 1997 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und vorhergehendes Studium an der TU Braunschweig, seit 2008 angestellt als Lichtplaner.
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Hinrich Schoppe / 14.5.2013 / 18:37

Dipl.-Ing. Architekt

Nein ...

Historisierendes Bauen bildet die heutige Unsicherheit der Architektur bzw. das mangelnde Vertrauen der Nutzer (Bauherren, Investoren...) ab. Wer will sagen, was zuerst war und das andere als Reaktion erzeugt hat?Gestaltung ist nicht zuletzt erlernbar und eine ästhetische Erziehung - richtungsfrei, wohin auch immer - findet im wesentlichen nicht statt. Da ist es nicht verwunderlich, dass der Schuster bei seinem Leisten bleibt und Veränderungen zunächst immer ablehnen wird.Dagegen wäre vielleicht noch nicht einmal etwas einzuwenden, wenn denn das historisierende Gestalten - nicht das historisierende Bauen, das findet nämlich in Zeiten von EnEV und Billig-WDVS-Fassaden nicht statt - zur Verbrämung und Verschleierung von Profitinteressen ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl eingesetzt wird.Geradezu pervers erscheint es dann, wenn wirklich historische Substanz diesen Surrogaten weichen muss, da zu klein, zu kompliziert, zu wenig flexibel und insgesamt zu wenig gewinnversprechend...Historisierend zu Planen und zu Bauen würde im besten Sinne bedeuten, sich auf die historische Aufgabe des Bauens zu konzentrieren, die da lautet, den Menschen menschenwürdige Lebens-, Arbeit- und Wohnbedingungen zu gewährleisten. Historisierend beinhaltet weiterhin das Bauen für Generationen und im gleichen Atemzuge die Abkehr der grassierenden Wegwerfgesellschaft, die Hand in Hand mit kurzfristigen Gewinnen und Gewährleistungsfristen geht.Dies kann man z.B. in Altstädten ablesen, in denen die Gebäude vielgestaltig heterogen, oftmals originell um- und verbaut über die Jahrhunderte, großzügig und beengt gleichermaßen, formal unsinnig und verrückt erscheinen, aber gerade dadurch Lebensfreude und einfach nur Spaß am Sein in und zwischen ihnen generieren.      
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Mirco Brahmann / 14.5.2013 / 18:22

SchlossFreiheit

Nein ...

Natürlich nicht!Wir sprechen ja auch von Baudenkmälern. Es wäre gut diese zur Erinnerung zu rekonstruieren oder zu erhalten und zu pflegen. Das geht natürlich nur wenn noch genügen Substanz vorhanden ist. Dieses ist beim Stadtschloss nicht der Fall! Also, wieso will man es dann so dilettantisch und unbedingt wieder für sehr viel Geld aufbauen? Geht es hier nur um den Berliner Klüngel, welcher immer wieder Aufträge für die Logen-Freunde generiert?Oder geht es hier um mehr? Ich glaube ja, es geht um sehr viel mehr. Man möchte diesen Kaiser Kult unterstützen, welcher auch der ursprüngliche Nährboden für diesen unsäglichen deutschen Nationalismus ist. Hier soll ein Symbol erhalten bleiben, an exponierter Stelle. Eines welches gar nicht mehr existiert und Selbst beim letzten Kaiser sehr unbeliebt war. Dass hier die ersten Berliner von Anfang an, Widerstand geleistet haben, scheint dabei ebenso eine wichtige Rolle zu spielen. Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn man diesen Widerstand erst genommen hätte?Und heute? Wieso besteht man auf diese gigantische Geldverschwendung, die sich nicht mal refinanziert? SourceURL:file:///Users/alinelow/Dropbox/bkult/18_historisch%20Bauen/Erhaltene%20Texte/SchlossFreiheit_Nein/Prinzip%20Herodes%20kurz%20final.doc Die Initiative SchlossFreiheit entstand im Herbst 2012, um der berechtigten und fundierten Kritik an der Rekonstruktion des Berliner Schlosses eine neue Plattform zu geben und dadurch das Anliegen früherer Bürgerinitiativen und die Arbeit kritischer Experten fortzuführen. Nach Gründung durch Arthur Kaiser, Ernst Wolf Abée und Mirco Brahmann bezieht die Initiative eindeutig Position, regt durch Publikationen die öffentliche Wahrnehmung an und führt gemeinsam mit Sympathisanten aus anderen Initiativen und Bewegungen Aktionen durch, so zum Beispiel die politische Performance „Humboldt Shake“. Nach Auffassung der Initiative SchlossFreiheit zeige sich beim Berliner Schloss-Projekt beispielhaft die Arroganz und Realitätsferne der politisch Verantwortlichen, die bedenkenlos dreistellige Millionenbeträge für überflüssige Prestigebauten freisetzen und zu einer fälligen Kurskorrektur nicht mehr in der Lage zu  
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Marina Kara / 14.5.2013 / 14:52

www.plattformnachwuchsarchitekten.de

Nein ...

Nein, es ist nicht harmlos!! Es ist Geschichtsklitterung, irreführend für die Nachwelt und geschmäcklerisch. Jede Zeitschicht des Bauens sollte nachvollziehbar und erlebbar sein. Dies ist beim Neubauschloss in Berlin beispielsweise nicht der Fall. Es handelt sich um einen Neubau überwiegend aus Beton, an den an 3 Seiten willkürlich barock-anmutende Steinmetz-Fassaden angeklebt werden sollen. Das Original-Eosander-Portal ist aber längst in einem anderen Bau nebenan zu DDR-Zeiten verbaut worden - im ehemaligen Staatsratsgebäude, heute Hertie-School of Governance. Die DDR-Geschichte wird hier für Laien kaum nachvollziehbar, auf seltsame Weise verschleiert. Eine politisch-ideologich motivierte Willkür, die mir Sorge bereitet. Auch anderenorts. Qualitätvoller Denkmalschutz und Denkmalpflege sieht jedenfalls anders aus. Und Zeitgenössischer Neubau ebenfalls. Aber darüber ist ja schon genug geschrieben worden...
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Tobias Nöfer / 14.5.2013 / 14:17

Architekt, Berlin

Ja ...

Aber es ist nicht harmlos, historisierend zu bauen, sondern notwendig.    •    „Historisieren“ interpretiere ich als im Entwurf sichtbares Reflektieren der Geschichte von Orten, Menschen oder Institutionen. Gute Architektur zeichnet sich auch durch diesen „Mehrwert“ an Bedeutung aus.    •    Historisierend“ ist nicht der Gegenbegriff zu „Zeitgemäß“. Manchmal ist es „zeitgemäß“ zu „historisieren“.    •    Architektur sollte nicht despektierlich als „historisierend“ bezeichnet werden, wenn sie architektonisch ist, wenn sie sich also der entwurflichen Methoden der Architektur der letzten 4000 Jahre bedient. Es ist einfach und war in den letzten Jahren en vogue, Dinge zu designen, die sich in einen krassen Gegensatz zur Umgebung und zum Selbstverständlichen stellen. Die Fachwelt hat sich daran gewöhnt, der kurzfristigen Aufmerksamkeit fahrlässig mehr Bedeutung beizumessen, als dem langfristigen Erfolg von Architektur. Mir scheint, die erwähnte „gefühlte Mehrheit der Bürger“ ist sensibilisiert, weil die Methode des „shocking“ in der Architektur mittlerweile abgegriffen und als städtebaulich schädlich entlarvt ist.    •    Städtebau und Architektur sind zwei verwandte Disziplinen, die aber nicht genug auseinander gehalten werden. Wenn man über die Rekonstruktion des Berliner Altstadtkerns spricht, ist das zunächst eine politische und städtebauliche Debatte, um Architektur geht es dabei nicht.    •    Rekonstruktionen sind nicht, was „historisierende“ Architektur meint. Sie sind die Reaktion auf unbeabsichtigte oder ungerechtfertigte Zerstörung. Rekonstruktionen haben in allen Generationen stattgefunden - sie entstehen dort wo das Bedürfnis nach der bedeutenden Form übermächtig wird. Die offensichtliche Angst vieler Architekten davor, diesem Bedürfnis zu entsprechen, ist mir unverständlich.    •    Die Gefahr heraufzubeschwören, dass eine kommende Generation sich nicht mehr entfalten kann, weil die heute aktive Generation plant und baut ist abwegig. Es war schon immer so, dass die „Jüngeren“ sich mit den Konsequenzen der Entscheidungen der „Älteren“ auseinandersetzen müssen. Das gehört zum Selbstfindungsprozess der Jüngeren, den zu unterbinden einen Verlust für diese darstellt.    •    Ansichten über Architektur sind keine Frage des Alters, das zu meinen ist wahrscheinlich pubertär. So sehe ich auch den erwähnten Artikel von Frau Blasberg.    •    Es gibt gute und schlechte Architektur. Gut ist sie, wenn sie nützlich, dauerhaft und schön ist. Tobias Nöfer, geboren 1967 in Ahaus, Westfalen, studierte Architektur an der RWTH Aachen und ETH Zürich. In den 90er arbeitet er bei Prof.  Oswald Matthais Ungers, Prof. Kollhoff & Timmermann und Bernd Albers. Seit 1998 ist er mit seinem Büro als freischaffender Architekt in Berlin tätig. Er ist Vorstandsmitglied des Architekten- und Ingenieursverein Berlin (AIV).
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Lena Kleinheinz & Martin Ostermann / 14.5.2013 / 13:02

Architekten, Berlin

Nein ...

Die Popularität von Retrodesign und Vergangenheitssimulation, die sich gegenwärtig im Schlosswiederaufbau und anderen Projekten bemerkbar macht, ist alles andere als harmlos, denn sie bremst den Fortschritt, den wir brauchen, um die Probleme unserer Zeit zu lösen. Ein großer Teil der Neubauten Berlins steht im krassen Gegensatz zum Anspruch der Stadt, Europas kreativ-innovative Ideenschmiede zu sein. Während vor etwa 20 Jahren, geschickt lanciert durch ein Netzwerk von geschäftstüchtigen und machtbesessenen Akteuren, das Bild der Stadt der vorvergangenen Jahrhundertwende als Blaupause für die urbane Zukunft verankert wurde, sind wir mittlerweile zumindest im Maklerjargon beim „Living Bauhaus“ angelangt. Ob wir bei diesem Schneckentempo jemals im Jetzt ankommen ist ungewiss. Die Verneigung vor der Vergangenheit in der Architektur hat offenbar so große öffentliche Resonanz gefunden, dass Politik und Medien sie heute unwidersprochen als Konsens betrachten. Ganz im Gegensatz dazu glauben wir - wie viele unserer Kollegen –– an das Zukunftsweisende der Architektur, an ihre Fähigkeit zu inspirieren und Innovationen anzuregen. Historisierende Bauten verklären eine Zeit, in der es keine digitale Technologie gab, kein Frauenwahlrecht und keine Demokratie. Als Produkte unserer Zeit zeugen sie von einem tiefen Misstrauen gegen das Neue, gegen Veränderung und Entwicklung. Sie sind Teil der Bemühungen, die Spuren der jüngeren Geschichte einer geteilten Stadt unkenntlich zu machen oder zu entfernen. Sie berauben uns mit dieser Geschichtsklitterung im Stadtbild nicht nur unserer Vergangenheit, sondern auch unserer Zukunft. Sie verbraten die Budgets und besetzen den Raum, den wir für ihre Gestaltung dringend brauchen.  Sie binden Milliardenbudgets in Gebäuden, die unsere gegenwärtige Lebenswelt ad absurdum führen. Beharrlich der Tatsache trotzend, dass (soweit wir wissen) niemand die Wiedereinführung der Monarchie plant, wird ein Königsschloss gebaut in vollem Angesicht seiner Untauglichkeit als Museum, das es aus Ermangelung zwingenderer Nutzungsideen einmal werden soll. Es konstituiert ein Milliardengrab für ein Armutszeugnis der Einfallslosigkeit, das das Zentrum unserer Stadt besetzen wird solange wir leben: ein Denkmal der verpassten Chancen. Die öffentliche Wahrnehmung von Architektur als bildhafte Simulation der Vergangenheit verklärt den Blick auf ihre tatsächlichen Aufgaben: Veränderte Lebensweisen und ökologische Herausforderungen bedingen eine Abkehr vom Gewohnten und ein radikales Neudenken von Architektur. Wir brauchen dafür eine offene, konstruktive und gemeinschaftliche Diskussion, die sich nicht an vermeintliche Sicherheiten des Bisherigen klammert (sie gelten nicht mehr!), sondern das Neue zu denken und zu bauen wagt. Inzwischen dürfte sich herumgesprochen haben, dass das rückwärtsgewandte und oberflächliche Verständnis von Architektur sich durch Abwarten nicht in Wohlgefallen auflösen wird. Dass die Mehrheit unserer Profession so beharrlich dazu schweigt, hat vielfältige Gründe. Das unter deutschen Architekten weit verbreitete Einzelkämpfertum und der Mangel an sichtbaren „Köpfen“ erschwert eine eindeutige und schlagkräftige Positionierung. Architekten sind in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern besonders machtlos (ökonomisch, politisch, organisationell, in ihrem gesellschaftlichen Ansehen etc.) – ein Machtvakuum, dass andere gut für sich zu nutzen wissen. Das „Geraderücken“ der öffentlichen Wahrnehmung kann nur durch die Architekten – und es müssten junge und alte gemeinsam sein - initiiert werden. Ob sich etwas bewegt, wird mit darüber entscheiden, ob Leute wie wir unsere Zukunft nicht nur im Ausland, sondern auch vor der eigenen Haustür mit gestalten werden. Lena Kleinheinz erweiterte ihr Kunststudium in Düsseldorf und Münster um eine Stippvisite am FB Architektur der UdK Berlin und einen Masterabschluss der Theorie und Geschichte der Architektur an der Bartlett in London. Nach dem Studium leitete sie von 2000 bis 2005 die Konzeption und Gestaltung internationaler Ausstellungsprojekte. Lena Kleinheinz war Lehrbeauftragte der TU München und Gastprofessorin der Hochschule Ostwestfalen-Lippe.Martin Ostermann studierte Architektur an der RWTH Aachen und der Bartlett in London gefolgt von einen Masterabschluss an der Architectural Association, London. Von 1997 bis 2003 war er leitender Entwurfsarchitekt im Berliner Büro Studio Daniel Libeskind.Zusammen gründeten sie 2003 magma architecture (auf Facebook, Twitter), das für visionäre Landmarken, spektakuläre mobile Konstruktionen und ausdrucksstarke Innenräume steht. Für ihre Projekte wie z. B. die Olympischen und Paralympischen Arenen für Sportschießen in London erhielten sie mehrere internationale Architekturpreise. Olympic Shooting Arenas, London
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Harald Bodenschatz / 14.5.2013 / 12:24

Stadtplaner und Sozialwissenschaftler, Mittelfranken/ Berlin

Jein ...

Bauen ist niemals harmlos: Es drückt Macht und Geld aus, verdrängt etwas, stellt sich mehr oder weniger unübersehbar in den Raum, erniedrigt oder respektiert die Nachbarn, ignoriert oder verarbeitet die Geschichte, beleidigt oder erfreut das Auge. Und zwar unabhängig davon, ob es „historisierend“ oder „modernisierend“ ist. Interessant ist, wie von wem welche Fronten konstruiert werden. Was heißt hier „historisierend“? Wie wäre es mit regionaler Bautradition? Was ja nicht kopieren heißt, sondern neu interpretieren? Aber wo ist die Grenze zwischen Kopie und Neuinterpretation? Oder besser: Wer hat das Recht, diese Grenze festzulegen? Und warum sollte es harmloser sein, regionale Traditionen zu missachten? Dass die Antworten auf solche Fragen altersabhängig sind, ist eine gewagte Behauptung. Oder besser gesagt: Eine solche Behauptung ist Teil einer unsachlichen Polemik. Genauso wie das Wort „historisierend“, oder das Wort „zeitgenössisch“. Stilfragen sind gesellschaftliche Fragen, um die gestritten werden muss, für deren Beantwortung der Architekt aber kein Monopol hat. Wenn er es beansprucht, schadet er seiner Profession. Aber sind Stilfragen überhaupt wichtig? Eine gute „historisierende“ Architektur ist besser als eine schlechte „modernisierende“. Und umgekehrt. Weit wichtiger ist der städtebauliche Kontext, die Art und Weise, wie ein Gebäude sich einfügt, oder eben auch nicht, wie laut es schreit: Ich bin besser als die Nachbarn, größer, dicker, modischer. Sollten wir uns nicht für eine andere Losung stark machen: Es ist alles andere als harmlos, den städtebaulichen Kontext zu ignorieren! Und auch dessen Geschichte! Damit sind wir wieder am Anfang. Respekt vor der Geschichte heißt keineswegs per se Rekonstruktion oder traditionelles Bauen, schließt es aber auch nicht a priori aus. Ideologische Verbote sind in unserer Profession fehl am Platze. Harald Bodenschatz, Stadtplaner und Sozialwissenschaftler, 1967-1972 Studium der Sozialwissenschaften, seit 1972 Lehre und Forschung an der RWTH Aachen und an der TU Berlin, 1995-2011 Professor für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin, seit 2012 Mitglied des Bauhaus-Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur und Planung in Weimar. Seit 1980 planerische Praxis im Büro Gruppe DASS zusammen mit Johannes Geisenhof (Projekte zur Stadterneuerung vor allem in Mittelfranken)
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Schloss Freiheit / 14.5.2013 / 10:38

Bürgerinitiative, Berlin

Nein ...

Jede Generation muss ihr Haus neu erfinden. Auch wenn zeitgenössische Gebäude nicht immer als ästhetische Glanzleistung gelingen, vergessen die Kritiker gerne, dass unsere Erwartungen an Städte und Gebäude Veränderungen unterworfen sind wie technische Skills und gesellschaftliche Ziele. Dabei mag ein Rückgriff auf Bewährtes hilfreich sein, kann aber die eigene Anstrengung nicht ersetzen.   Jede Generation sei wie ein neues Gehirn, zitiert die Journalistin Anita Blasberg Gottfried Benn ( in der ZEIT, „Die schon wieder“ ) In kurzer Zeit wurde aus großen Betonplatten der Rohbau des Potsdamer Schlossnachbaus gefügt, später sollen Verzierungen der Lochfassade historische Handwerkskunst vortäuschen. Aufwendige Nachbauten wie das Potsdamer oder das Berliner Schloss verhindern, dass eine neue Generation ihren Mut und ihre Kraft an prominenter Stelle in den Grundriss der Stadt einschreibt. Wenn die Ablehnung von Veränderungen alle Entscheidungen bestimmt, tritt Stillstand ein: nach dem Prinzip Herodes bevormunden die Meinungsführer rigoros alle Gruppen, die neue Ansprüche stellen könnten. Eine überalterte Gesellschaft ohne Vision wünscht sich, dass die Wiederholung erlebtes oder auch nur erhofftes Glück noch einmal schenkt. Bisher gaben alle Gesellschaften stets mehr Geld für die Jüngeren aus..... Heute hat sich in den westlichen Wohlfahrtsstaaten das Verhältnis umgekehrt: Schon jetzt kosten die über 75-Jährigen mehr als sämtliche Kinder zusammen, konstatiert Anita Blasberg. Das Konzept der internationalen Moderne versprach Gleichberechtigung und Freiheit, die Zitate historischer Bauformen behaupten dagegen eine kulturelle, militärische oder wirtschaftliche Überlegenheit der Errichter. Müssen wir die Herabwürdigung der sozialen Solidarität in unserer Gesellschaft akzeptieren? Wenn vermögende oder regierende Kreise mit viel Aufwand historisierende Fassaden bauen lassen, ist dies ist nicht harmlos, sondern schamlos: peinlich wie ein ranziger Altherrenwitz. Wir lachen nicht mit. Die Initiative SchlossFreiheit entstand im Herbst 2012, um der berechtigten und fundierten Kritik an der Rekonstruktion des Berliner Schlosses eine neue Plattform zu geben und dadurch das Anliegen früherer Bürgerinitiativen und die Arbeit kritischer Experten fortzuführen. Nach Gründung durch Arthur Kaiser, Ernst Wolf Abée und Mirco Brahmann bezieht die Initiative eindeutig Position, regt durch Publikationen die öffentliche Wahrnehmung an und führt gemeinsam mit Sympathisanten aus anderen Initiativen und Bewegungen Aktionen durch, so zum Beispiel die politische Performance „Humboldt Shake“. Nach Auffassung der Initiative SchlossFreiheit zeige sich beim Berliner Schloss-Projekt beispielhaft die Arroganz und Realitätsferne der politisch Verantwortlichen, die bedenkenlos dreistellige Millionenbeträge für überflüssige Prestigebauten freisetzen und zu einer fälligen Kurskorrektur nicht mehr in der Lage zu sein scheinen.
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Tom Kaden / 14.5.2013 / 10:24

Architekt, Berlin

Nein ...

… es ist eine Katastrophe! Gern möchte wohl gerade die bürgerliche Mitte vergessen machen, weshalb deutsche Innenstädte spätestens im Mai 1945 solche Zerstörungen der über Jahrhunderte gewachsenen Bausubstanz zu beklagen hatten. Diese sind nämlich das Ergebnis des Kampfes der sowjetischen, amerikanischen, französischen und britischen Befreiungsarmeen gegen die saubere deutschen Wehrmacht – und nein Herr Stimmann, Herr Kohllhoff, Herr Jauch – dafür ist weder die Ost- noch die Westmoderne zur Rechenschaft zu ziehen. Verantwortlich war allein das willige deutschen Volk unter Führung der ökonomischen und standesdünkelhaften "Eliten", die mehr Raum im Osten und mehr Absatzmärkte in ganz Europa benötigten. Diese historische Determinante hat den bedeutenden deutschen Städten im Wesentlichen ihre Zentren geraubt. Und nun sucht das neubürgerliche Interesse der wiedervereinigten und aufgeklärten Bundesrepublik den nostalgischen Augentrost? Reden wir hier überhaupt über Stadtplanung und Architektur? Oder reden wir nicht viel eher über die aktuelle Praxis der Aneignung des Raumes in den Städten, erneut angeführt von den vermeintlichen Vertretern der politischen, mithin der wirtschaftlichen und geistigen Eliten? Diese Aggressoren gegen jedwede “Moderne” wollen viel mehr als nur die Schleifung des Ahornblattes und des Palastes der Republik. Handelt es sich nicht in Wirklichkeit um den Versuch einer Wiederbelebung von Symbolen nationalpolitischer und -kultureller Identität? Also her mit den Attrappen auf historischem Stadtgrundriss und endgültig weg mit den letzten Wunden der nationalen Katastrophe! Und wer bewohnt/benutzt/bewirtschaftet, profitiert also letztendlich von diesen Nachbildungen historischer Ansichten, irreführend auch "Stadtreparatur" genannt? Der "selbstregulierende Markt" – und dieses scheue Reh möchte doch bitte eine exklusive Bewohnerschaft, frei von irgendwelchen wirtschaftlich gescheiterten Randexistenzen. Denn das Recht auf Stadt hat nur der, der es sich leisten kann. Und in diesem Zusammenhang können wir auch noch die Irrungen und Wirrungen der 60er, 70er und 80er Jahre des letzten Jahrtausends glatt ziehen. Georg Dehio schreibt 1901: "Der Venus von Milo ihre Arme wiederzugeben oder Leonardos Abendmahl mit einer frischen Farbdecke zu überziehen, gilt für eine heute unmöglich gewordene Barbarei. Nur gewisse Architekten glauben dergleichen noch täglich verüben zu dürfen. Was berechtigt uns denn, so viel Zeit, Arbeit und Geld dem Schaffen der Gegenwart zu entziehen, um sie den Werken der Vergangenheit zuzuwenden? Doch hoffentlich nicht das Verlangen, sie einem bequemeren Genuß mundgerechter zu machen? Nein, das Recht dazu gibt uns allein die Ehrfurcht vor der Vergangenheit. Zu solcher Ehrfurcht gehört auch, daß wir uns in unsere Verluste schicken. Den Raub der Zeit durch Trugbilder zu ersetzen, ist das Gegenteil von historischer Pietät." Wenn der aktuelle gesellschaftliche Zustand eines vom Staat alimentierten Finanzkapitalismus anhält, werden wir bald saubere Innenstädte mit "ökologischen" Elektroautos und privatem Sicherheitsdienst haben, in denen die Fragen des Gemeinwohls, des zukunftsorientierten Bauens, der verdichteten Unterschiedlichkeit nicht mehr gestellt werden, da selbige im Sinne der neoliberalen Hegemonie abschließend beantwortet scheinen. "Die Stadt als Arena polit-ökonomischer Verhältnisse zu verstehen,(...) verknüpft Perspektiven der Veränderung notwendigerweise mit Fragen der Macht, des Eigentums und der Verwertung." (Gebhardt/Holm 2011) Tom Kaden, geboren 1961, studierte Architektur an der FH für angewandte Kunst in Schneeberg und der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. 1996 gründet er das Büro Kaden aus dem 2002 Kaden Klingbeil Architekten wurde . Das auf Bauen mit Holz spezialisierte Büro erhielt für seine Entwürfe zahlreiche Preise, darunter den BDA Preis 2009. Tom Kaden ist außerdem Mitbegründer des Team11 und der Wohnungsbaugenossenschaft BWL.
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Andreas Hild / 14.5.2013 / 10:21

Architekt, München

Ja ...

Historisierendes Bauen geht von einer Vorstellung aus, die glaubt, es gäbe einen geschichtlichen Abschnitt der so wertvoll war, dass es sich lohnen würde, ihn zu wiederholen. Unabhängig davon, ob man diesen Glauben teilt, stellt sich die Frage, ob es möglich ist, eine solche Wiederholung tatsächlich herzustellen. Denn erst wenn wir diese Möglichkeit in Betracht ziehen, könnten wir ernsthaft diskutieren ob dies zu Beschädigungen von wem auch immer führt.Alle Versuche zu rekonstruieren oder auch zu historisieren sind bei Licht betrachtet sofort oder zumindest kurz nach ihrer Fertigstellung als Produkt der jeweiligen Zeit erkennbar.Als Münchner, aufgewachsen in einer wiederaufgebauten Stadt, die übrigens nicht als historische Altstadt sondern als Wiederaufbauarchitektur unter Denkmalschutz steht, kann ich überhaupt keine Gefahr für irgendjemanden sehen. Und das ist völlig unabhängig davon, wie ich selbst zu historisierendem Bauen stehe.Das einzige was ich mir vorstellen könnte wäre, dass in der Generationenfolge der Menschen eine besonders historisierende Architekturepoche fast zwangsläufig eine dem historisierenden Bauen besonders ablehnend gegenüberstehende Generation hervorbringt ...Darüber sollte man vielleicht einmal nachdenken, als Befürworter ebenso wie als Gegner. Andreas Hild, geb. 1961, studierte Architektur an der ETH Zürich und an der TU München. 1992 gründete er mit Tillmann Kaltwasser ein eigenes Büro. Seit 1999 wird das Büro Hild und K von ihm und Dionys Ottl geleitet. Hild hatte Gastprofessuren und Lehraufträge an im In- und Ausland.
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